Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 4. Dezember 2023. Von PETER NINDLER. "Olympischer Größenwahn". | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 4. Dezember 2023. Von PETER NINDLER. „Olympischer Größenwahn“.

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Bob, Rodeln oder Skeleton sind keine massentauglichen Sportarten, aber olympisch. Neue Bahnen verschlingen Unsummen, nach dem Cortina-Debakel könnte sich die Sinnfrage stellen. Braucht es überhaupt noch einen Eiskanal bei Olympia?

Wie abgehoben ist doch die Debatte über die olympischen Eiskanalwettbewerbe 2026 in Cortina d’Ampezzo und in Mailand. Wie einfältig äußert sich die Kritik daran, dass sich Tirol mit Innsbruck-Igls als Alternative anbietet. Und wie feig agieren der Internationale Bob- und Skeletonverband bzw. die Rodel-Federation mit ihrer Zurückhaltung. Obwohl gerade der Bau neuer olympischer Bob- und Rodelbahnen jenen Größenwahn symbolisiert, der in Zeiten der Klimakrise und weltweiter gesellschaftlicher Sensibilisierung nicht mehr zeitgemäß ist.
Cortina wollte bauen, scheiterte allerdings an der Umsetzung. Dienstag fällt die Entscheidung, ob der teilweise abgebaute Olympiaeiskanal von 2006 in Cesana um zig Millionen Euro reaktiviert wird. Um danach wieder zu verfallen, wie das Internationale Olympische Komitee (IOC) befürchtet. Nachhaltigkeit sieht anders aus. In den Igler Eiskanal fließt ebenfalls viel öffentliches Geld, er soll um 28 Millionen Euro wieder international fit gemacht werden. Für Jahrzehnte.
Schon das ist irgendwie Luxus, denn ein Zuschauermagnet wird der Eiskanal oberhalb von Innsbruck ohnehin nie werden. Nur zum Vergleich: Weltweit gibt es 7000 Rennrodler, allein in Tirol spielen hingegen 10.000 Mädchen und Buben in Nachwuchsmannschaften  Fußball. Egal, wie das Eiskanaltheater für 2026 ausgeht, ob letztlich in Cesana, Innsbruck-Igls, St. Moritz oder im französischen La Plagne gefahren wird: Die zuständigen Weltverbände spielen jedenfalls mit dem Feuer, weil sie lieber auf diplomatisches Schweigen im Eiskanal setzen statt auf klare Ansagen. Wenn schon Cortina/Mailand nicht in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen, und das IOC Cesana ablehnt, dann sollten wenigstens IBSF (Bob- und Skeleton) sowie die FIL (Rodeln) eine Bahn vorschlagen. Schließlich geht es um ihre Athleten, um deren olympische Wettbewerbe.
Schlussendlich steht nach dem Cortina-Debakel die Sinnfrage im Raum:  Müssen Bob, Rodeln und Skeleton künftig überhaupt noch olympisch sein? Die Infrastruktur dafür verschlingt Unsummen, die in keinem Verhältnis zur Außenwirkung dieser Sportarten stehen. Weltweit kann aktuell auf 16 Bahnen gefahren werden, neue zu bauen, macht angesichts überschaubarer Attraktivität keinen Sinn.
Oder die vielfach von der Realität entrückten Olympia-Funktionäre vollziehen endlich einen Kurswechsel. Was klimabedingt zwangsläufig der Fall sein wird. Olympia findet nur dort statt, wo die Wettkampfstätten bereits vorhanden und in Schuss sind. Oder  grenzüberschreitend. Wie es Stockholm mit seiner Bewerbung für 2030 vorhatte. Die Eiskanalbewerbe sollten nämlich auf der lettischen Traditionsbahn in Sigulda stattfinden.

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