Das mumok trauert um Carl Andre
Im Rahmen der Minimal Art vollzog Carl Andre in den frühen 1960er-Jahren mit seinen Objekten aus Zedernholz den Spagat zwischen geometrischer Nüchternheit und sinnlicher Materialität. Die pyramidalen oder kubischen Konstruktionen aus modulartigen und seriell angelegten Teilen, die formale Ähnlichkeiten mit den gestreiften Malereien seines Künstlerfreundes Frank Stella aufweisen, entsprachen der minimalistischen Doktrin einer hierarchielosen Komposition, die möglichst frei von traditionellen Inhalten und figurativen Anspielungen sein sollte. Mit Donald Judd, Robert Morris, Sol Lewitt und Dan Flavin bildete Andre die Kerntruppe der Minimal Art, die der Kunst zwar anthropomorph-menschliche Formen austrieb, dafür aber dem Bezug zwischen Werk und dem Körper der Betrachter*innen absolute Priorität einräumte.
Um die zeitgenössische abstrakte Malerei und deren europäische Tradition nachhaltig zu zerstören, griffen Andre und seine Kollegen interessanterweise auf die europäische Kunst- und Geistesgeschichte zurück, nämlich u. a. auf den russischen Konstruktivismus und die Phänomenologie und Körperphilosophie von Maurice Merleau-Ponty. Carl Andre definierte daher Skulptur weniger als Objekt, sondern als einen Ort körperlicher Erfahrung. Schwerkraft und Bodenhaftung waren konsequenterweise zentrale Themen seiner Kunst. Brancusis endlose Säule kippte er mit seiner Kunst gleichsam in die Horizontale und auf den Grund, wenn er etwa eine Reihe wuchtiger Holzbalken in die Landschaft legte, sodass sie deren Wölbungen folgte und so auch das Profil der Landschaft mit abbildete. Er selbst verstand dies auch als eine Maßnahme gegen phallokratisches Verhalten. Auch die Metapher der Straße für seine Vorstellung von Skulptur gefiel dem Künstler, der einige Zeit als Heizer von Lokomotiven entlang einer Bahnstrecke gearbeitet hatte.
Dass Kunstbetrachtung mehr ist als bloß etwas anzuschauen, nämlich ein umfassenderes körperlich-geistiges Geschehen, verdeutlichte er auch in seinen "Floor Pieces", am Boden ausgelegte Metallplatten unterschiedlicher Legierungen, auf denen man herumgehen kann. Betrachten wird dort zu einem physischen Akt, in dem die Werkerfahrung von der körperlichen Selbsterfahrung untrennbar ist. Auch seine Verwendung von Sprache als Kunstform verweist auf die genuin kommunikative und körperbezogene Funktion der Kunst.
Überschattet wird Carl Andres bedingungslos humanistische und aufklärerische Arbeit von einer ungeklärten Facette in seiner Biografie: Ob er im Jahr 1985 für den Tod seiner Lebensgefährtin Ana Mendieta, die ein beeindruckendes eigenständiges künstlerisches Oeuvre geschaffen hat, verantwortlich ist, oder ob es sich um einen Suizid handelte, als die Künstlerin aus einem Wolkenkratzer stürzte, wird wohl für immer ungeklärt bleiben. Für die Rezeptionsgeschichte seines Werks hat dieses tragische Ereignis merkbare Folgen. Innerhalb des revolutionären Aufbruchs der Kunst in den 1960er-Jahren nimmt Carl Andre, auch über seinen Tod hinaus, jedenfalls eine zentrale und wegweisende Position ein, die sich auch in seinen Werken in der mumok Sammlung spiegelt.
Karola Kraus, Rainer Fuchs und das Team des mumok
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