TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Die schwerste Prüfung“, Marco Witting
Damit war zu rechnen: Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler haben sich nach Corona beim PISA-Test verschlechtert. Dabei kam man hierzulande besser durch die Pandemie. Ein Problemfeld ist jedoch weiter ungelöst.
Es war ja nur ein Test. Wobei den Ergebnissen der PISA-Studie schon traditionell viel Bedeutung beigemessen wurde, egal welche Partei gerade den Bildungsminister stellt. Nun sind also die neuesten Testergebnisse da – die ersten seit Corona. Und mit dem Ergebnis war zu rechnen: Die heimischen Schülerinnen und Schüler (getestet wurden 15- und 16-Jährige) haben sich verschlechtert, speziell beim Lesen und in Mathe. Das ist die eine Seite. Und insofern natürlich problematisch, weil die Ergebnisse schon davor nicht gut waren und kontinuierlich schlechter geworden sind. Auf der anderen Seite zeigt der internationale Test der OECD, dass Österreich in dieser Hinsicht besser durch die Pandemie gekommen ist als viele andere Länder. Auch das muss man einmal hervorstreichen und ist wohl vor allem auf den Einsatz vieler Lehrerinnen und Lehrer, der Schülerinnen und Schüler selbst sowie die Geduld und Motivation der Eltern zurückzuführen. Und so fällt der PISA-Test ein wenig lauwarm aus. Eines zeigt sich in Österreichs Bildungssystem aber einmal mehr ganz deutlich: Der sozioökonomische Hintergrund hat bei uns einen größeren Einfluss auf die Leistung der Jugendlichen als in anderen Ländern. Heißt: Die soziale Herkunft bestimmt in stärkerem Maß über den Schulerfolg.
Das ist nicht neu. Aber im heimischen System, in dem über alle Schulstufen hinweg deutlich mehr Geld ausgegeben wird als im OECD-Schnitt, gelingt es weiterhin nicht, dieses Problem zu lösen. Trotz vieler Versuche und Projekte. Natürlich sind solche Probleme nicht nur der Bildungspolitik zuzuschreiben. Gerade das Elternhaus ist in diesem Bereich maßgeblich und entscheidend, wenn es darum geht, den Stellenwert von Bildung zu definieren. Gleichzeitig haben finanziell schwächer ausgestattete Familien oft auch gar nicht einmal die Möglichkeiten, sich teure Nachhilfe zu leisten. Das zeigt sich laut den Ergebnissen besonders bei Schülern mit Migrationshintergrund – wobei hier über die Hälfte mit besonders geringen Ressourcen auskommen müssen. So starten viele Schülerinnen und Schüler mit einer Hypothek in die schwerste Prüfung ihres Lebens, die Ausbildung.
Man darf nicht den Fehler machen, das österreichische Bildungssystem per se schlechtzureden. Das zeigt die PISA-Studie ganz deutlich. Aber die deutlichen Unterschiede im Detail sind ein Alarmsignal und der Auftrag, das System weiter zu verbessern. Die jetzt getesteten Mädchen und Burschen lernen ja nicht für die Schule oder den PISA-Test. Sondern fürs Leben. Und das ist, in einer globalisierten Welt, eine ganz schöne Prüfung.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
(C) Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender. Tiroler Tageszeitung