TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Besser spät als nie“, von Anita Heubacher
Nicht zuletzt aufgrund des Drucks der Industrie und der Wirtschaft will die ÖVP beim Ausbau der Kinderbetreuung aufs Tempo drücken. Jetzt, wo die Arbeitskräfte fehlen, ist Feuer am Dach und die Arbeitskraft der Frauen gefragt.
Jetzt haben wir uns zum Ziel gesetzt, das Tempo zu erhöhen“, erklärte gestern ÖVP-Familienministerin Susanne Raab. Am Abend zuvor hatte ÖVP-Bundesparteichef und Bundeskanzler Karl Nehammer im ORF-Sommergespräch 4,5 Milliarden Euro für den Ausbau der Kinderbetreuung versprochen. 50.000 Betreuungsplätze sollen es bis 2030 werden. Postwendend erkannte die Opposition darin einen „Marketingschmäh“, ein frühes „Wahlzuckerl“. Das darf die ÖVP nicht verwundern. Denn jahrzehntelang auf vielen Ebenen regierungsbeteiligt, war die ÖVP mehrheitlich eher ein Bremsklotz denn ein Motor für den Ausbau der Kinderbetreuung. Zwar mühten sich die ÖVP-Frauen redlich ab, scheiterten in vielen Fällen aber am konservativen Rollenbild vieler ihrer Parteifreunde. 2016 soll die Partei paktierte 1,2 Milliarden Euro für den Ausbau der Nachmittagsbetreuung für den Aufstieg von ÖVP-Superstar Sebastian Kurz geopfert haben. Zumindest legen das die später öffentlich gewordenen Chats nahe. Ansonsten reicht ein Blick auf die Argumentation vieler ÖVP-Aushängeschilder, wenn es um den Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung geht. Da hat sich die ÖVP in Tirol zuletzt bewegt, ansonsten verharrt die Partei in Abwehrkämpfen.
Jetzt soll es aber so weit sein. Nun, besser spät als nie, wenn die versprochenen Milliarden Euro diesmal tatsächlich fließen. In den Kindergärten und in den Kindergruppen fehlt es an Personal. Arbeiten in der Kinderbetreuung war und ist, so man den Betroffenen zuhört, weder monetär noch vom Prestige her eine lukrative Sache. ElementarpädagogInnen werden verzweifelt gesucht, Extraprämien als Anreiz bezahlt und trotzdem mussten bereits die ersten Kindergruppen geschlossen werden, weil es an Personal fehlt. Wie man 50.000 zusätzliche Betreuungsplätze bespielen will, ist daher fraglich.
Gesellschaftspolitisch haben sich konservative Rollenbilder in Österreich eher verfestigt denn in Richtung Gleichberechtigung entwickelt. Am Arbeitsplatz mussten Frauen oft die Erfahrung machen, dass im Zweifelsfall dann doch lieber Männer ge- und befördert wurden. Das macht Arbeiten weniger lukrativ. Selbst in Wien, wo das Betreuungsangebot österreichweit am besten ausgebaut ist, ist die Teilzeitquote nicht dramatisch gesunken oder so viel niedriger als in anderen Bundesländern. Es sei einmal dahingestellt, ob die 50.000 Plätze den Zustrom von Frauen auf den Arbeitsmarkt drastisch erhöhen. Da müsste sich noch weit mehr ändern als nur die Betreuungsquote. Nämlich die Bedingungen für Frauen in der Arbeitswelt.
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