TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel. „Toxische Beziehungen“, von Wolfgang Sablatnig
Wenn es um das Auto geht, lassen sich die Menschen nicht gerne hineingrätschen. Die Regierung versucht es trotzdem. Am Ende ihres Weges ist sie damit aber noch nicht. Gefragt wäre ein Abbau der Emotionen.
Rainhard Fendrich hatte schon immer ein Gespür für die österreichische Seele. „Gestern hat mi’s Glück verlassen“, singt er in seiner „Zweierbeziehung“. Verlassen hat ihn aber nicht die Liebste: „Du liegst am Autofriedhof draußen“, dichtet er.
Fendrichs stolzer Autobesitzer ist am Boden zerstört. Die Einsicht fehlt: Eigentlich hätte die Kurve „doch leicht 130 vertrag’n“ – auch mit sechs Achtel im Blut.
Die Beziehung der Österreicher – in diesem Fall sind es in erster Linie Männer – zu ihrem Auto schwankt zwischen pragmatisch und toxisch. Reinreden wollen sie sich nicht lassen. Nicht, wenn es um das Fortbewegungsmittel geht. Erst recht nicht, wenn sie die vier Räder und den Hochglanz rundherum als Statussymbol sehen.
Die Regierung grätscht jetzt trotzdem hinein. Gibt es irgendein Argument gegen den Plan, extremen Rasern ihr Auto abzunehmen? Nein. Verkehrsministerin Leonore Gewessler (Grüne) spricht zu Recht von einer Waffe. Und Recht hat sie auch, wenn sie meint, dass 100 oder 130 Stundenkilometer im Ortsgebiet nicht einfach so passieren.
Mögliche Einwände gibt es trotzdem. Wie ist es mit dem Eigentum anderer, wenn es nicht der eigene Schlitten ist, dessen Tachonadel jenseits der 200 steht? Sind die Fahrverbote wirksam, wenn fremde PS aufgeheult haben? Das Gesetz muss sich in der Praxis bewähren. Und wenn es das nicht tut, muss nachgeschärft werden – aber das sollte eigentlich für alle Gesetze gelten.
Das Kuratorium für Verkehrssicherheit nennt zudem schon die wichtigsten Punkte eines nächsten Raserpakets: höhere Strafen, niedrigere Geschwindigkeitslimits für die Beschlagnahme, die Aufnahme des Rasens in die Vormerkdelikte und eine Verknüpfung der Daten zwischen Bezirkshauptmannschaften und Bundesländern.
Auch bei Alko-Sündern würden die Experten gerne nachschärfen. Seit Corona steigt die Zahl der betrunkenen Fahrer.
Alles eine Frage der Vernunft, sollte man meinen. Die Vernunft war bei toxischen Beziehungen aber immer schon die Nummer zwei. „Kannst di no erinnern, wie wir’s erschte Mal auf der Autobahn war’n. Wir zwa ganz allan“, hat Fendrich gesungen.
So viel zur Sicherheit. Noch gar nicht die Rede war von den Auswirkungen der Autos und des Verkehrs auf Klima, CO2 und Bodenversiegelung.
Hier wird es wirklich toxisch. Hier bräuchte es ernsthafte Abwägungen zwischen Nutzen, Notwendigkeit, Schaden und Alternativen. Aber das ist ein anderes Thema, auch wenn Fendrich es (ungewollt) zusammenführt: „Überblieb’n is nur a Havarie.“
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