Cannes setzt auf Pawlikowski und Hüller – und verkauft Europa als Oscar-Marke
Wenn in Cannes ein Film über Thomas und Erika Mann schon nach der Premiere als möglicher Oscar-Kandidat durchgereicht wird, sagt das fast mehr über das Festival als über den Film. Paweł Pawlikowskis Vaterland mit Sandra Hüller steht nicht nur für ein starkes europäisches Projekt, sondern auch für die alte Cannes-Logik: große Namen, große Stoffe, große internationale Verwertbarkeit.
Der Stoff ist dabei durchaus attraktiv. Thomas und Erika Mann im zerbombten Nachkriegsdeutschland, ein polnischer Regisseur mit klarer Handschrift, eine deutsche Hauptdarstellerin mit weltweiter Reputation – das ist genau die Art von Konstellation, die in Cannes seit jeher funktioniert. Das Festival liebt Filme, die nach Kulturgeschichte aussehen und sich zugleich wie Prestigeprodukte verkaufen lassen. Europa darf in Cannes gern kompliziert sein, solange es sich elegant exportieren lässt.
Das ist nicht per se falsch. Im Gegenteil: Gerade Cannes hat immer wieder bewiesen, dass europäisches Kino international wirken kann, ohne sich dem Streaming-Einheitsbrei zu unterwerfen. Ein Film wie Vaterland passt in diese Tradition, weil er nicht klein denkt. Er setzt auf literarische Aura, historische Schwere und Schauspielkunst – also auf jene Zutaten, die im Festivalbetrieb noch immer mehr zählen als algorithmische Zielgruppenfreundlichkeit.
Aber genau darin liegt auch die Schieflage. Cannes verkauft sich gern als Ort der künstlerischen Entdeckung, doch in der Praxis gewinnt oft das, was sich bereits als Marke lesen lässt. Pawlikowski ist nach Ida und Cold War längst kein Geheimtipp mehr, Sandra Hüller ohnehin nicht. Das ist klug besetzt, aber eben auch kalkuliert. Die Botschaft lautet: Wer europäisches Kino heute groß machen will, braucht nicht nur Qualität, sondern sofort erkennbare kulturelle Währung.
Das ist der blinde Fleck vieler Festivaldebatten. Es wird gern so getan, als sei „europäisch“ schon ein Wert an sich. In Wahrheit ist es oft ein kuratiertes Verkaufsargument. Ein Film über die Manns ist nicht nur Literaturverfilmung, sondern auch ein Signal an Jurys, Verleiher und Preisgremien: Hier kommt ein Werk mit Bedeutung, bitte nicht mit einem bloßen Arthouse-Film verwechseln. Cannes ist darin meisterhaft. Es inszeniert Relevanz, bevor das Publikum überhaupt entscheiden kann, ob der Film sie wirklich verdient.
Gleichzeitig wäre es zu billig, daraus bloß Zynismus zu machen. Denn die Konzentration auf große Namen ist auch eine Reaktion auf einen Markt, der mittlere ambitionierte Filme immer weiter aus dem Blick drängt. Zwischen Franchise-Kino und Plattform-Content bleibt für riskante europäische Stoffe oft nur noch das Festival als Bühne. Wer dort nicht sofort eine internationale Erzählung liefert, verschwindet schnell im Nebel der Förderkataloge. Das ist kein ästhetisches Problem allein, sondern ein Strukturproblem der Branche.
Gerade deshalb ist Vaterland interessant. Der Film zeigt, wie europäisches Kino heute überleben will: nicht als Nische, sondern als Prestigeereignis mit Oscar-Potenzial. Das kann produktiv sein, weil es Aufmerksamkeit, Geld und Reichweite schafft. Es kann aber auch dazu führen, dass nur noch jene Geschichten durchkommen, die sich in kulturelle Hochglanzformate übersetzen lassen. Dann wird aus europäischem Kino kein Gegenentwurf, sondern ein besonders edles Label für denselben Aufmerksamkeitsmarkt.
Cannes setzt also nicht einfach auf gute Filme. Es setzt auf Filme, die sich als Ereignis erzählen lassen – und Vaterland ist dafür ein nahezu perfektes Beispiel. Das ist klug, professionell und ein bisschen ernüchternd. Denn am Ende gilt in Cannes oft dieselbe Regel wie in Hollywood: Nicht nur der Film muss groß sein, sondern auch die Geschichte darüber. Alles andere ist schön für die Pressemappe.
Und genau darin liegt die unbequeme Wahrheit: Cannes feiert europäische Kunst, solange sie wie ein globales Prestigeprodukt aussieht. Das ist kein Verrat am Kino – aber ein ziemlich ehrlicher Blick darauf, wem das Festival am Ende wirklich gefallen will.