Rene Matić gewinnt den Deutsche-Börse-Preis – und entlarvt die Galerie als Tumblr-Raum | brandaktuell

Rene Matić gewinnt den Deutsche-Börse-Preis – und entlarvt die Galerie als Tumblr-Raum

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Ein queer, working-class, person of colour gewinnt den Deutsche Börse Photography Prize, und die Kulturwelt nickt zufrieden: Seht her, das System kann doch lernen. Nur ist die eigentliche Pointe eine andere. Wenn die Ausstellung dazu am Ende wie ein sorgfältig gerahmter Tumblr-Feed wirkt, dann ist nicht nur die Hängung das Problem, sondern die ganze Komfortzone der Gegenwartskunst.

Der Anlass ist konkret und bemerkenswert. Rene Matić, 29 Jahre alt, wird mit einem der wichtigsten Fotopreise Europas ausgezeichnet. Das ist mehr als ein hübsches Signal in einer Branche, die sich gern für offen hält, solange die Offenheit gut beleuchtet ist. Dass eine Position aus einer queeren, arbeitenden und nicht weißen Perspektive diesen Preis gewinnt, ist nicht bloß Symbolpolitik. Es verschiebt den Blick darauf, wer im Kunstbetrieb als relevant gilt und wer lange nur als Korrektur am Rand vorkam.

Genau deshalb lohnt die Kritik an der Präsentation. Die Frage ist nicht, ob intime, rohe, fragmentarische Bilder legitim sind. Natürlich sind sie das. Die Frage ist, warum Institutionen so oft glauben, dass das bloße Einrahmen von Alltagsbildern schon Bedeutung produziert. Perspex, White Cube, Preisglanz – und plötzlich soll aus Momenten, Schnappschüssen und Stimmung eine große Erzählung werden. Das funktioniert manchmal. Hier offenbar nur bedingt. Denn wenn ein Werk vor allem wie ein studentisches Social-Media-Archiv wirkt, dann ist das nicht automatisch ein Vorwurf gegen die Künstlerin oder den Künstler. Es ist eher ein Hinweis darauf, wie sehr die Institution inzwischen von der Ästhetik der Plattformen lebt.

Das ist der unbequeme Kern der Sache: Die zeitgenössische Kunst hat gelernt, die Sprache des Internets zu imitieren, ohne dessen Logik wirklich zu verstehen. Der Feed ist nicht nur Form, sondern Ökonomie. Er belohnt Unmittelbarkeit, Serien, Intimität, Lesbarkeit in Sekunden. Museen und Galerien tun dann so, als wäre diese Geschwindigkeit ein Ausdruck von Wahrheit. In Wirklichkeit ist es oft nur eine neue Art, Aufmerksamkeit zu verwalten. Der Kunstbetrieb verkauft Fragmentierung gern als Authentizität. Das ist elegant, weil es billig ist: Man muss nichts erklären, wenn die Oberfläche schon als Haltung gilt.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, sich über die Ausstellung zu erheben und nach mehr Distanz, mehr Handwerk, mehr Klassik zu rufen. Diese Forderung klingt schnell nach kulturpessimistischer Garderobe. Gerade Matićs Erfolg zeigt ja, dass sich die Fotografie verändert hat, weil sich Leben verändert hat. Identität ist heute nicht nur Thema, sondern Material. Wer aus prekären, queeren oder migrantischen Erfahrungen arbeitet, produziert oft keine glatten Bilder, sondern Brüche, Abwehr, Überlagerungen. Das kann stark sein. Es kann aber auch leicht vom Markt geschluckt werden, sobald die Brüche als Stil lesbar sind.

Hier liegt die eigentliche Spannung: Der Preis würdigt eine Position, die das Establishment lange übersehen hat, und genau dieses Establishment verwandelt die Position im selben Moment in ein kuratorisches Format. Anerkennung wird so zur Einhegung. Das Werk darf unbequem aussehen, solange es im richtigen Rahmen hängt und sich in die Sprache des Kulturkapitals übersetzen lässt. Ein bisschen Widerstand, sauber verpackt, bitte.

Deshalb ist der Fall Rene Matić größer als eine einzelne Juryentscheidung. Er zeigt, wie der Kunstbetrieb heute funktioniert: Er will Diversität, aber bitte als lesbares Motiv. Er will Gegenwart, aber ohne Risiko. Er will soziale Wirklichkeit, solange sie als ästhetische Oberfläche zurückkommt. Das ist nicht nur ein Problem der Fotografie, sondern der gesamten Kulturindustrie. Sie liebt das Echte, wenn es schon so aussieht, als wäre es kuratiert worden.

Die eigentliche Leistung von Matićs Auszeichnung liegt also nicht nur im Sieg, sondern in der Reibung, die er freilegt. Wer diesen Preis ernst nimmt, muss auch die Präsentation ernst nehmen. Sonst bleibt von der großen Geste am Ende nur ein gut beleuchtetes Missverständnis. Und das wäre dann sehr britisch, sehr zeitgenössisch und leider ziemlich typisch: Die Institution feiert die neue Stimme – und macht sie im selben Atemzug zur Dekoration.

Vielleicht ist genau das die ehrlichste Lesart dieses Preises: Nicht dass die Kunst schwach geworden ist, sondern dass ihre Verpackung immer schneller lernt, Schwäche als Stil zu verkaufen. Wer darin nur Fortschritt sieht, hat den Betrieb schon halb gewonnen – und genau deshalb verloren.

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