AMS-Chef Kopf und die Vollzeit-Debatte: Warum Österreichs Arbeitsmarkt an den falschen Stellen spart | brandaktuell

AMS-Chef Kopf und die Vollzeit-Debatte: Warum Österreichs Arbeitsmarkt an den falschen Stellen spart

0 77

Ein Satz von AMS-Vorstand Johannes Kopf hat die Debatte wieder auf ihre alte Sollbruchstelle zurückgeführt: Österreich habe, so seine Diagnose in der ZiB 2, sehr lange über unsere Verhältnisse gelebt. Gemeint ist nicht nur der Staatshaushalt, sondern auch der Arbeitsmarkt: viel Teilzeit, zu wenig Produktivität pro Kopf, zu wenig echte Reformen. Das klingt hart. Es ist aber bequemer, als die eigentliche Frage zu stellen: Warum wird in Österreich so gern auf jene gezeigt, die weniger Stunden arbeiten, statt auf jene Strukturen, die Vollzeit für viele erst unattraktiv oder unmöglich machen?

Die Zahlen sind jedenfalls nicht kleinzureden. Laut Statistik Austria lag die Erwerbstätigenquote von Frauen 2023 zwar bei rund 71 Prozent, doch der Teilzeitanteil bleibt hoch: Bei Frauen arbeiteten 2023 etwa 51 Prozent in Teilzeit, bei Männern rund 13 Prozent. Die Kluft ist nicht bloß statistisch, sie ist politisch. Wer in Österreich von mehr Arbeit spricht, landet schnell bei der Moralkeule. Dabei geht es oft viel nüchterner um Kinderbetreuung, Öffnungszeiten, Pendelzeiten und die Frage, ob ein zusätzlicher Job überhaupt organisierbar ist. Vollzeit ist kein naturgegebenes Ideal, sondern oft eine logistische Leistung.

Genau hier ist Kopfs Forderung nach mehr Kinderbetreuung stärker als der reflexhafte Ruf nach einem Recht auf Vollzeit. Denn ein Rechtsanspruch nützt wenig, wenn der Alltag dagegen arbeitet. Die Arbeiterkammer hat mehrfach darauf hingewiesen, dass Betreuungslücken vor allem bei Kindern unter drei Jahren und bei Randzeiten bestehen. Das ist kein Detail, sondern der Kern des Problems: Wer werktags um 6 Uhr in der Pflege beginnt oder im Handel bis 19 Uhr eingeteilt ist, hat von einem abstrakten Vollzeitrecht wenig, wenn der Kindergarten um 17 Uhr zusperrt. Österreich diskutiert gern die Arbeitsmoral der Eltern und zu selten die Öffnungszeiten der Republik.

Der zweite blinde Fleck steckt in der politischen Erzählung selbst. Wenn Köpfe wie der AMS-Chef von über unsere Verhältnisse leben sprechen, klingt das nach einer kollektiven Lebensstilkritik. Tatsächlich passt die Formel nur bedingt. Österreich ist nicht deshalb schwach, weil Menschen zu wenig schuften. Schwächer ist das Land dort, wo Arbeitszeit nicht produktiv organisiert wird und wo öffentliche Infrastruktur Arbeitskräfte am Mitgehen hindert. Der OECD-Bericht Education at a Glance 2024 zeigt etwa, dass der Anteil der unter Dreijährigen in formaler Betreuung in Österreich unter dem OECD-Durchschnitt liegt. Das ist bemerkenswert in einem Land, das sich gern als wohlgeordnet und familienfreundlich versteht. Familienfreundlich heißt eben nicht, dass Mütter in Teilzeit verschwinden dürfen, sondern dass Erwerbsarbeit und Sorgearbeit zusammenpassen müssen.

Gleichzeitig ist die Gegenposition nicht aus der Luft gegriffen. Österreich hat ein Ausgaben- und Effizienzproblem, und der Staat kann nicht jedes Strukturproblem mit mehr Geld übertünchen. Auch die Unternehmen spielen mit: Wer Teilzeitstellen mit unflexiblen Schichten, niedriger Bezahlung und wenig Aufstiegschancen anbietet, muss sich über fehlende Vollzeitbewerbungen nicht wundern. Ein Rechtsanspruch auf Vollzeit klingt in dieser Logik gut, löst aber wenig, wenn Betriebe Vollzeit nur als Belastung und nicht als planbare, familienverträgliche Normalität organisieren. Kurz: Nicht jede Teilzeit ist Zwang, aber zu viel unfreiwillige Teilzeit ist ein Standortproblem.

Die medienkritische Pointe ist, dass in solchen Debatten gern die falschen Bilder dominieren. Eine einzelne Aussage im Fernsehen liefert die Schlagzeile, die Talkshow die Empörung, und schon scheint das Land in zwei Lager geteilt: die Leistungsträger gegen die Teilzeit-Sünder. Das ist bequem, weil es strukturelle Fragen in persönliche Haltungen verwandelt. Dabei ist die Wirklichkeit viel prosaischer. Wer in Österreich mehr Arbeitsstunden will, braucht nicht zuerst neue Appelle, sondern verlässliche Betreuung, bessere Ganztagsschulen, planbarere Arbeitszeiten und ein Steuersystem, das Mehrarbeit nicht unnötig bestraft. Sonst bleibt die Vollzeitforderung ein politisches Plakat mit schönem Spruch und schlechter Statik.

Die unbequeme Schlussfolgerung lautet deshalb: Österreich hat nicht zu viele Menschen in Teilzeit, sondern zu viele Institutionen, die Vollzeit schwer machen und dann überrascht tun, wenn sie ausbleibt. Wer weiterhin nur über angeblich zu wenig Leistungsbereitschaft redet, spart an der falschen Stelle – und bezahlt am Ende mit weniger Wachstum, weniger Steuern und mehr kulturellem Dauergejammer.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.