Bei der Buchpräsentation von APA-Chef Clemens Pig war die ORF-Spitze auffällig dicht versammelt. So etwas ist in Wien selten Zufall, sondern fast schon ein Stimmungsbarometer. Wer im Medienhaus der Republik mitreden will, weiß: Im Rennen um den ORF-General zählt nicht nur Kompetenz. Zählt auch das richtige Timing. Und genau da wird es für potenzielle Direktorinnen heikel.
Der Hintergrund ist politisch-regulatorisch klar: Der ORF wird nicht wie ein privates Medienhaus geführt, sondern über Gremien, Postenlogiken und gesetzliche Vorgaben organisiert. Der Generaldirektor wird vom Stiftungsrat gewählt, die Direktorinnen und Direktoren ebenfalls. Formal ist das ein Verfahren. Praktisch ist es ein Machtspiel mit Vorlauf. Wer zuerst sichtbar ist, sammelt Verbündete. Wer später kommt, muss erklären, warum er oder sie nicht schon früher da war. Bei Führungsjobs ist das eine altbekannte Schwäche des Systems: Es verkauft Transparenz, belohnt aber Insiderwissen.
Die neue Diskussion über einen früheren Start auch für Direktorinnen ist deshalb mehr als eine Personalfrage. Sie berührt eine simple, aber unbequeme Wahrheit: Wer Fristen so setzt, dass nur jene Chancen haben, die sich früh im Netzwerk bewegen können, verengt den Kreis der Kandidatinnen und Kandidaten. Das trifft Frauen oft stärker. Nicht weil sie per se schlechter vernetzt wären, sondern weil Medien- und Machtkarrieren in Österreich immer noch stark über Verfügbarkeit, Deutungshoheit und informelle Zugänge laufen. Wer sich in solchen Verfahren spät anmeldet, wirkt schnell wie nachgereicht – selbst wenn die Person fachlich stärker ist. Das ist regulatorisch nicht sauber, sondern eher ein Talentfilter nach dem Prinzip: Wer schon drin ist, kommt leichter rein.
Ein zweiter blinder Fleck ist bequemer. Man redet gern über den ORF als öffentlich-rechtliche Institution, als wäre er dadurch automatisch fairer als die Privatwirtschaft. Ist er aber nicht. Der ORF ist kein neutraler Ort jenseits von Politik, sondern ein besonders gut reguliertes Feld politischer Einflussnahme. Genau deshalb sind die Spielregeln so wichtig. Wenn Fristen, Ausschreibungen und interne Vorinformationen in der Praxis jenen nützen, die ohnehin im Haus verankert sind, dann ist das keine bloße Bürokratie. Es ist ein struktureller Vorteil für die bereits Etablierten. Dass dabei ausgerechnet bei Spitzenposten über Diversität geredet wird, während die Zugänge eng bleiben, hat einen gewissen österreichischen Charme. Leider einen ziemlich teuren.
Fairerweise gibt es Gegenargumente. Wer sagt, eine frühe Kandidatur sei für alle gleich offen, hat nicht völlig unrecht. Auch Männer aus dem engsten Kreis müssen sich rechtzeitig positionieren. Und ein öffentlich-rechtlicher Sender braucht Verlässlichkeit, keine dauernden Personal-Rallyes. Gerade in einer Zeit, in der der ORF unter Sparzwang, digitalem Druck und politischer Dauerbeobachtung steht, soll nicht jede Führungsfrage zur Grundsatzdebatte werden. Doch das Argument der Stabilität trägt nur dann, wenn der Prozess fair ist. Sonst wird aus Ordnung bloß ein freundlicheres Wort für Abschottung.
Besonders interessant ist ein Punkt, der selten offen benannt wird: In großen Organisationen entstehen Spitzenchancen oft nicht im Moment der offiziellen Ausschreibung, sondern Monate davor. Wer Gespräche führt, wer als erwogen gilt, wer in internen Runden auftaucht, wird faktisch schon bewertet, bevor die Formulare liegen. Das ist in vielen Branchen so, im ORF aber politisch sensibler, weil jede Verschiebung sofort nach Einflussnahme riecht. Genau deshalb braucht es keine peinliche Anständigkeitssimulation, sondern klare, früh und für alle sichtbare Verfahren. Sonst bleibt die Auswahl für den ORF-General und die Direktorinnen am Ende das, was sie zu oft ist: eine Mischung aus Formalität und Vorentscheidung.
Die eigentliche Frage lautet also nicht, wer gerade die besten Karten hat. Sondern ob der ORF sich noch einen Auswahlprozess leisten will, der zwar korrekt aussieht, aber die gleichen Machtmuster reproduziert wie immer. Ein öffentlich-rechtlicher Sender, der auf Unabhängigkeit pocht, sollte bei sich selbst strenger sein als bei anderen. Wenn nicht, ist das nächste Rennen um den ORF-General kein Wettbewerb um die beste Lösung, sondern nur die elegante Fortsetzung des alten Systems mit neuen Gesichtern.
Und genau das wäre die unbequeme Konsequenz: Ein ORF, der bei Führungsjobs weiter auf frühe Netzwerke statt auf offene Chancen setzt, produziert nicht Unabhängigkeit, sondern bloß die vertraute österreichische Version davon – mit besserem Pressetext.