Ein globaler Bierkonzern, ein abgeschotteter Markt und ein Neffe aus einem der mächtigsten politischen Netzwerke des Landes: Diese Konstellation klingt nach einer Episode aus dem Handbuch für Wirtschaft in autoritären Systemen. Sie ist aber vor allem ein Lehrstück darüber, wie wenig Marktzugang in solchen Ländern mit freiem Wettbewerb zu tun hat.
Heineken, der weltweit zweitgrößte Bierkonzern, suchte vor einigen Jahren einen Weg in den Iran. Der Markt war verlockend: rund 80 Millionen Menschen, eine junge Bevölkerung, hohe Kaufkraft in Teilen der urbanen Mittelschicht. Gleichzeitig ist er politisch vermint. Alkohol ist in der Islamischen Republik verboten, der Import von Bier praktisch ausgeschlossen, und ausländische Firmen kommen nur dann voran, wenn sie lokale Machtstrukturen verstehen oder sich an ihnen reiben. Genau hier wurde es heikel: Laut Berichten kooperierte Heineken mit einem iranischen Unternehmen, hinter dem ein Neffe von Ali Larijani stand, einer der einflussreichsten Figuren des politischen Systems. Das ist kein Detail am Rand, sondern der eigentliche Kern der Geschichte.
Denn wer in einem solchen Umfeld einsteigen will, kauft nicht nur Vertrieb, Logistik oder Markenrechte. Er kauft auch Zugang zu politischen Schaltstellen. Und dieser Zugang ist selten sauber trennbar von Patronage, familiären Netzwerken und der Frage, wer im Zweifel eine Genehmigung bekommt, wenn das Gesetz selbst eigentlich dagegen spricht. In liberalen Märkten wird Wettbewerb über Preise, Qualität und Effizienz entschieden. In regulierten Grauzonen wie dem Iran entscheidet oft etwas anderes: Nähe zur Macht. Dass ausgerechnet ein globaler Konzern dafür auf einen bestens vernetzten Familiennamen setzt, ist ökonomisch nachvollziehbar. Regulatorisch ist es genau das Problem.
Die Pointe ist unbequem: Unternehmen lieben schwierige Märkte, solange sie dort nicht wirklich fair konkurrieren müssen. Wo Regeln unklar, Ausnahmen häufig und politische Beziehungen wertvoller als Produktqualität sind, entsteht ein Geschäftsmodell, das für Konzerne attraktiv und für die Gesellschaft gefährlich ist. Denn es normalisiert eine Logik, in der Marktzugang nicht durch offene Regeln, sondern durch persönliche Verbindungen entsteht. Heute geht es um Bier, morgen um Pharma, Telekommunikation oder Energie. Die Struktur ist dieselbe.
Natürlich gibt es eine Gegenposition. Ein Konzern wie Heineken kann argumentieren, dass er in jedem Land nur mit lokalen Partnern arbeiten könne, weil Regulierung, Distribution und kulturelle Eigenheiten ohne lokale Kenntnis kaum beherrschbar seien. Das ist nicht falsch. Gerade in autoritär regierten Staaten ist lokales Wissen oft der einzige Weg, überhaupt irgendeine Form von formalem Geschäft aufzubauen. Und auch der iranische Markt ist nicht einfach schwarz-weiß: Zwischen Verbot, Schattenwirtschaft und staatlich geduldeten Nischen existieren reale ökonomische Spielräume. Die Frage ist nur, wem diese Spielräume am Ende nützen.
Der blinde Fleck vieler Debatten liegt hier: Wir reden bei solchen Fällen gern über unternehmerischen Mut, obwohl es oft um regulatorische Ausnutzung geht. Ein Konzern, der sich in einem Land mit schwacher Rechtsstaatlichkeit einen politischen Türöffner sucht, ist nicht automatisch korrupt. Aber er profitiert von einem System, das Korruption wahrscheinlicher macht. Und genau deshalb reicht es nicht, auf formale Legalität zu verweisen. Die entscheidende Frage lautet: Stärkt ein solches Geschäft den Wettbewerb oder stärkt es die Mittelsmänner?
Eine wenig beachtete Einsicht ist dabei, dass Alkoholregulierung in autoritären Staaten oft doppelt wirkt: offiziell als moralische Ordnungspolitik, praktisch aber als Filter für politische Loyalität und Kontrolle von Schattenmärkten. Wer die offiziellen Verbote umgeht, braucht nicht nur Produkte, sondern Schutz. Das macht den Markt für internationale Konzerne nicht kleiner, sondern zynischer. Der Zugang wird teuer, intransparent und politisch aufgeladen. Der Konsument zahlt am Ende nicht nur mehr, sondern finanziert indirekt ein System, das Transparenz gerade verhindert.
Heineken zeigt damit ein Grundproblem globaler Expansion: Konzerne sprechen gern von Lokalisierung, meinen aber oft die Lokalisierung von Risiken, nicht von Verantwortung. Im Iran war das offenbar nicht anders. Der Fall ist deshalb mehr als eine kuriose Fußnote zur Bierindustrie. Er zeigt, wie schnell wirtschaftliche Globalisierung in politisch abgeschotteten Staaten zu einer Partnerschaft mit den Falschen wird. Und er erinnert daran, dass ein Markt erst dann wirklich offen ist, wenn man dort auch ohne Familiennamen und politische Rückendeckung bestehen kann. Bis dahin ist das kein freier Wettbewerb, sondern ein sehr teurer Gefallen mit Schaumkrone.
Am Ende bleibt eine simple, unbequeme Schlussfolgerung: Wer im Iran nur mit Hilfe eines Machtclans einsteigen kann, betreibt keinen normalen Markteintritt, sondern passt sich einem System an, das genau von solchen Verflechtungen lebt. Das ist nicht cleverer Kapitalismus – das ist Kapitalismus auf Krücken. Und die tragen oft genau jene, die man offiziell gern bekämpft.