Das Naturhistorische Museum Wien (NHM) feiert 150 Jahre und nutzt das Jubiläum für einen ungewöhnlich offenen Blick auf die eigene Geschichte. Statt nur die großen wissenschaftlichen Erfolge zu zeigen, stellt die neue Sonderausstellung auch Fragen, die in Museen lange Zeit eher im Hintergrund standen: Woher stammen Objekte? Wer hat sie gesammelt? Und welche Rolle spielten dabei Macht, Kolonialismus und die Forschungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts?
Das Thema der Schau lautet sinngemäß: Sammeln, Entdecken und Erforschen. Gerade in einem Haus wie dem NHM, das zu den bedeutendsten naturhistorischen Museen Europas zählt, ist das mehr als ein Rückblick. Es ist auch eine Einladung, über die Aufgaben moderner Museen nachzudenken. Heute geht es nicht mehr nur darum, Exponate zu bewahren und zu präsentieren. Ein Museum übernimmt auch Verantwortung für Herkunft, Kontext und den ethischen Umgang mit seinen Sammlungen.
Historisch gewachsen sind naturhistorische Sammlungen oft in einer Zeit, in der europäische Staaten wissenschaftliche Expeditionen finanzierten und die Welt systematisch erforschen wollten. Dabei wurden Fossilien, Mineralien, Tiere, Pflanzen und Kulturgegenstände gesammelt, katalogisiert und in Depots und Ausstellungen eingeordnet. Solche Sammlungen sind bis heute eine wichtige Grundlage für die Biodiversitätsforschung, die Taxonomie und die Geowissenschaften. Gleichzeitig zeigt die heutige Museumsarbeit: Nicht jede Sammlungsgeschichte ist unproblematisch. Viele Objekte wurden unter kolonialen Bedingungen erworben oder gelangten auf Wegen in europäische Museen, die aus heutiger Sicht kritisch zu beurteilen sind.
Genau diesen Spannungsbogen nimmt das NHM nun auf. Die Ausstellung will nicht bloß feiern, sondern auch einordnen. Sie zeigt, dass Wissenschaft immer in gesellschaftliche und politische Rahmen eingebettet ist. Begriffe wie Provenienzforschung, Sammlungsethik oder Kolonialgeschichte sind dabei keine abstrakten Fachwörter, sondern helfen zu verstehen, wie Museen heute arbeiten. Provenienzforschung untersucht die Herkunft von Objekten und klärt, wie sie ins Museum gekommen sind. Sammlungsethik fragt, ob und unter welchen Bedingungen ein Objekt überhaupt gezeigt oder bewahrt werden sollte. Kolonialgeschichte wiederum macht sichtbar, dass europäische Wissenssammlungen oft mit globalen Ungleichheiten verbunden waren.
Für Besucherinnen und Besucher ist das Thema gut zugänglich aufbereitet. Die Ausstellung richtet sich nicht nur an Fachleute, sondern auch an Schülerinnen, Schüler, Maturantinnen und Maturanten sowie an ein älteres Publikum, das gern mit etwas Hintergrundwissen in die Geschichte eintaucht. Gerade das macht die Schau interessant: Sie verbindet anschauliche Objekte mit verständlicher Erklärung und eröffnet so einen Blick hinter die Kulissen des Museumsbetriebs.
Auch im größeren Sinn ist das Jubiläum des NHM bemerkenswert. Das Haus ist nicht nur ein Ort für Dinosaurier, Meteoriten oder Edelsteine, sondern auch eine Wissensinstitution, die sich mit aktuellen wissenschaftlichen Fragen beschäftigt. Dazu zählen der Klimawandel, das Artensterben und der Schutz von Biodiversität. In Zeiten, in denen naturwissenschaftliche Fakten oft diskutiert werden, haben Museen eine wichtige Vermittlungsfunktion. Sie machen Forschung sichtbar und helfen, komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären.
Die neue Ausstellung ist daher mehr als eine Geburtstagsfeier. Sie zeigt ein Museum, das bereit ist, auch die dunkleren Seiten seiner Vergangenheit zu thematisieren. Genau darin liegt ihre Stärke: Sie verbindet historische Selbstreflexion mit moderner Wissenschaftskommunikation. Wer das NHM besucht, bekommt also nicht nur spannende Exponate zu sehen, sondern auch einen ehrlichen Blick auf die Entstehung von Wissen. Das macht die Sonderausstellung zu einem wichtigen Beitrag im Jubiläumsjahr – sachlich, aktuell und bewusst kritisch.
Fakten zum NHM Wien:
- Das Naturhistorische Museum Wien wurde 1889 eröffnet, das Gebäude selbst wurde bereits in den 1870er-Jahren errichtet.
- Es zählt zu den größten naturhistorischen Museen Europas.
- Die Sammlungen umfassen Millionen Objekte aus Bereichen wie Zoologie, Botanik, Mineralogie, Paläontologie und Anthropologie.
- Moderne Museen setzen zunehmend auf Provenienzforschung und transparente Vermittlung.
Weiterführende Links
- https://www.nhm-wien.ac.at/
- https://www.nhm-wien.ac.at/museum/geschichte
- https://www.nhm-wien.ac.at/ausstellung
- https://www.bmkoes.gv.at/