Wechselt Österreich auf die digitale Überholspur?
Wien (OTS) – Digitale Grundbildung wird ab dem Schuljahr 2022/23 von der 5. bis zur 7. Schulstufe in Allgemeinbildenden höheren Schulen (AHS) und Mittelschulen (MS) zu einem neuen Pflichtfach. Die 8. Schulstufe folgt ein Jahr später. „Damit wird eine langjährige Forderung der Österreichische Computer Gesellschaft (OCG) endlich Realität“, freute sich OCG-Präsident Wilfried Seyruck anlässlich des Webinars „Wechselt Österreich auf die digitale Überholspur?“.
Gemeinsam mit Doris Wagner (Sektionschefin für die Sektion Allgemeinbildung und Berufsbildung im Bildungsministerium) und Gerald Futschek (Institutsleiter Information Systems Engineering an der TU Wien und OCG Arbeitskreisleiter für IT-Ausbildung und Didaktik der Informatik) ortete Seyruck einen dringend benötigten Digitalisierungsschub für das Bildungssystem. Dieses theoretische Konzept müsse nun jedoch durch engagierte Pädagog*innen zum Leben erweckt werden. Wie sehr das Thema unter den Nägeln brennt, unterstreicht auch ein neuer Teilnahmerekord: Mehr als 200 Interessierte – so viele wie nie zuvor bei einem OCG-Webinar – verfolgten das spannende Live-Format. „Es freut mich sehr, dass unsere Schülerinnen und Schüler die so wichtigen digitalen Schlüsselkompetenzen ab dem nächsten Schuljahr in einem neuen Pflichtfach erlernen können“, betonte Doris Wagner in ihrem Eingangsstatement. „Besonders wichtig war mir auch, dass die Digitale Grundbildung im Ausmaß von einer Wochenstunde anderen Fächern keine Stunden wegnimmt, sondern on top dazukommt.“
Erfolgsfaktor Mensch
Der zukünftige Lehrplan folgt dem didaktischen Modell des Frankfurter Dreiecks – also dem Zusammenwirken der technologischen Perspektive mit anwendungsorientierten und gesellschaftlich-kulturellen Aspekten. Leider bleibt daher weniger Zeit für die Informatik. Umso wichtiger wäre es daher, schon davor in der Volksschule als Vorbereitung mit Computational Thinking zu beginnen, um den Schüler*innen dort schon problemlösungsorientiertes Denken zu vermitteln. Der Lehrplanentwurf soll in Kürze in die Begutachtungsphase gehen und wird damit erstmals öffentlich einsehbar. Die Ausrollung der digitalen Endgeräte für die Schüler*innen der 5. und 6. Schulstufe wird ebenfalls zeitgerecht vor Einführung des neuen Pflichtfachs abgeschlossen. Doris Wagner, Gerald Futschek und Wilfried Seyruck waren sich einig, dass der Erfolg dieser digitalen Bildungsoffensive aber nicht nur von zukunftsorientierten Lehrplänen und der richtigen Hardware, sondern vor allem von kompetenten, engagierten Lehrer*innen abhängt. „Die Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen ist deshalb die entscheidende Frage und wurde auch in einer breit angelegten Studie in 28 Ländern als kritischster Punkt genannt“, betont TU-Professor Futschek. „Programmieren und Algorithmen sind ja nicht so einfach zu erlernen. Daher braucht es hier ein durchdachtes fächerübergreifendes Vorgehen.“
Kulturtechnik mit kurzer Halbwertszeit
Derzeit wird intensiv an aktuellen Aus- und Weiterbildungscurricula für die zukünftigen Pädagog*innen des Fachs „Digitale Grundbildung“ gefeilt. Ab dem kommenden Wintersemester startet erstmals ein 4-semestriger Hochschullehrgang im Umfang von 30 ECTS-Punkten. „Die Halbwertszeit in der IT ist sehr kurz. Spezialwissen ist oft nach zwei Jahren nur noch die Hälfte wert“, hielt OCG-Präsident Seyruck beim Webinar ein eindrückliches Plädoyer dafür, die Lehrinhalte stets auf dem neuesten Stand zu halten. Die digitale Kompetenz sei eine unverzichtbare Kulturtechnik und brauche auch im Bildungssystem den Raum, der ihr zusteht. Der neue Lehrplan sollte bestens gerüstet sein, denn er ist bewusst offen gehalten und gibt damit genügend Spielraum für neueste Erkenntnisse und persönliche Ansprache durch die Pädagog*innen.
Weitere Impulse gefordert
Einig waren sich die Diskutierenden jedenfalls, dass die Einführung des Pflichtfachs Digitale Grundbildung nur ein erster Schritt ist, um Österreich auf die digitale Überholspur zu bringen. Weitere müssen nun rasch folgen, etwa in den Bereichen Elementarpädagogik und Volksschulen. Wilfried Seyruck brachte eine Verschränkung mit dem Europäischen Computer Führerschein (ECDL), der sich zuletzt durch neue Module wie Künstliche Intelligenz, Robotik oder Computing vom Anwendungswissen in Richtung Spezialwissen weiterentwickelt hat, ins Spiel. Gerald Futschek wiederum befürwortet mittelfristig ein eigenes Pflichtfach „Informatik“, wie es etwa das deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen zuletzt eingeführt hat. „Uns allen ist bewusst: Ohne Informatik geht heute gar nichts mehr“, resümierte Sektionschefin Doris Wagner. „Mit dem neuen Pflichtfach Digitale Bildung haben wir ein solides Fundament gelegt. Gemeinsam mit Universitäten und Pädagogischen Hochschulen müssen wir alles daransetzen, um weiterhin am Puls der Zeit zu bleiben. Sonst landen wir statt auf der digitalen Überholspur auf dem Pannenstreifen.“
Über die OCG
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