Wer macht die Nachrichten von morgen? Die unbequeme Macht der Newsfluencer | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Wer macht die Nachrichten von morgen? Die unbequeme Macht der Newsfluencer

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Im Foyer in Perugia tippt ein junger Mann auf sein Handy, als würde er ein Sandwich bestellen. In Wirklichkeit schaut er keine Zeitung, kein TV-Format, keine Nachrichtensendung. Er scrollt durch TikTok, Instagram und YouTube. Ein Politikvideo, dann ein Meme, dann eine kurze Einordnung zu Gaza oder zur Wahl in den USA. So sieht Nachrichtenkonsum heute für viele unter 30 aus: schnell, persönlich, algorithmisch. Und genau das war beim internationalen Journalismusfestival in Perugia das eigentliche Thema hinter der hübschen Vokabel Newsfluencer.

Der Begriff klingt nach Marketing, ist aber längst ein Geschäftsmodell. Einzelne Creator bauen sich eine Publikumsbeziehung auf, die klassischen Medien zunehmend fehlt: direkt, täglich, ohne Redaktionsmarke dazwischen. Das ist keine Randerscheinung mehr. Im Reuters Institute Digital News Report 2024 gaben 29 Prozent der 18- bis 24-Jährigen an, in der Vorwoche Nachrichten über Social Media konsumiert zu haben. Bei den Unter-35-Jährigen sind Plattformen damit nicht nur zusätzliche Kanäle, sondern für viele der erste Kontakt zur aktuellen Berichterstattung.

Das klingt zunächst nach Sieg der Reichweite über die alte Medienordnung. Ist es auch. Aber eben nicht nur. Wer in Perugia genau hinhörte, merkte schnell: Hinter dem Hype steckt ein ziemlich nüchternes Unternehmerproblem. Medienhäuser wollen junge Menschen erreichen, tun aber oft so, als ließe sich Aufmerksamkeit mit einem besseren Titelbild und einem neuen TikTok-Account zurückkaufen. Das klappt höchstens kurz. Denn die eigentliche Stärke von Newsfluencern ist nicht das Videoformat. Es ist die Beziehung.

Ein Creator spricht nicht als anonyme Redaktion. Er spricht als Person. Mit Gesicht, Stimme, Haltung, Rhythmus. Das ist kein kosmetischer Unterschied, sondern ein ökonomischer. Plattformen belohnen Wiedererkennbarkeit, nicht institutionelle Autorität. Wer regelmäßig auftaucht, wird zur Gewohnheit. Wer zur Gewohnheit wird, bekommt Vertrauen. Und Vertrauen ist im Nachrichtenmarkt heute die knappste Ressource überhaupt. Laut Reuters Institute Digital News Report 2024 vertrauen im Schnitt nur 40 Prozent der Menschen in 47 untersuchten Ländern den Nachrichten insgesamt. Das ist keine Randnotiz, sondern ein Geschäftsrisiko.

Ein kleiner, aber entscheidender Widerspruch: Gerade die Medienhäuser, die am lautesten über den Vertrauensverlust klagen, produzieren oft Formate, die niemandem eine Beziehung anbieten. Viele Artikel sind formal korrekt, sauber verlinkt, journalistisch solide. Nur: Sie fühlen sich für junge Nutzer an wie eine Amtsmitteilung mit besserer Typografie. Das ist hart, aber nicht unfair. Wer eine Generation auf TikTok ansprechen will, kann nicht so tun, als sei die Welt noch eine Startseite mit Ressortlogik.

Gleichzeitig wäre es bequem, Newsfluencer als Rettung zu feiern. Das wäre zu einfach. Denn das Modell hat eine dunkle Seite, die in Perugia ebenfalls mitschwang: Personal Branding ist kein Gütesiegel. Es kann aufklärerisch sein, aber es kann ebenso in Meinung ohne Prüfung kippen. Ein Creator, der Reichweite besitzt, besitzt noch keine redaktionellen Standards. Und die Plattformlogik ist gnadenlos: Zuspitzung wird belohnt, Korrektur eher selten. Ein Fehler verteilt sich langsamer als ein Empörungsclip. Für Medienökonomie ist das fatal. Für öffentliche Debatten auch.

Ein wenig bekannte, aber wichtige Einsicht: Newsfluencer sind für traditionelle Medien nicht nur Konkurrenz, sondern oft unbezahlte Vorarbeit. Sie übersetzen komplexe Themen in eine Sprache, die überhaupt erst Aufmerksamkeit erzeugt. Erst danach kommt bei einem Teil des Publikums der Sprung zu längeren Erklärstücken oder klassischen Angeboten. Das ist unbequem, weil es die alte Idee angreift, dass ein gutes Medium nur selbst gut sein müsse. In Wirklichkeit entstehen heute viele Nachrichtenkontakte entlang einer Kette: Creator macht den Einstieg, Redaktion liefert die Tiefe. Wer diese Kette ignoriert, verliert Reichweite und Relevanz.

Die Frage ist also nicht, ob Newsfluencer den Journalismus ersetzen. Das tun sie nicht. Die Frage ist, ob Medienhäuser die neue Arbeitsteilung verstehen. Einige tun es bereits besser als andere. Die BBC arbeitet seit Jahren mit plattformspezifischen Erzählformen, ohne den Markenkern ganz aufzugeben. Die Washington Post hat mit kurzen, personalisierten Videoformaten experimentiert, um jüngere Zielgruppen nicht nur zu erreichen, sondern zu binden. Solche Versuche sind betriebswirtschaftlich nachvollziehbar: Wer nur auf Abos älterer Stammleser setzt, baut ein Geschäft mit Ablaufdatum. Die Demografie ist da unerbittlich, ganz ohne Dramaturgie.

Und doch bleibt ein blinder Fleck: Viele Redaktionen messen Erfolg immer noch an klassischen Kennzahlen, als würde Aufmerksamkeit linear funktionieren. Dabei entscheidet sich Reichweite heute oft nicht am Klick, sondern an der Wiederkehr. Wie viele Menschen sehen einen Beitrag nicht nur einmal, sondern dreimal in unterschiedlichen Kontexten? Wie viele kommen wegen eines Gesichts zurück? Wie viele vertrauen einem Format, obwohl sie dem Medium vorher nie begegnet sind? Das sind unternehmerische Fragen, keine Lifestyle-Themen. Und sie werden im Journalismus noch erstaunlich selten wie solche behandelt.

Die fairste Gegenposition lautet: Redaktionen dürfen sich nicht in Persönlichkeitskult auflösen. Journalismus braucht überprüfbare Standards, Trennung von Nachricht und Meinung, Korrekturmechanismen, Transparenz. Alles richtig. Aber dieser Satz wird zu oft als Ausrede benutzt, um jede echte Anpassung abzulehnen. Die Medienbranche verwechselt dann Stabilität mit Stillstand. Dabei ist es gerade die publizistische Haltung, die man verteidigen sollte, nicht das alte Distributionsmodell. Niemand wird morgen nostalgisch durch die Zeitung von gestern gerettet.

Perugia hat deshalb weniger eine Mode entdeckt als eine Zumutung beschrieben: Nachrichten werden künftig von denen gemacht, die Vertrauen, Tempo und Plattformverständnis verbinden. Das kann ein Newsfluencer sein, ein klassisches Medium oder beides zusammen. Wer junge Menschen erreichen will, muss aber akzeptieren, dass journalistische Qualität heute nicht reicht, wenn sie unsichtbar bleibt. Die unbequeme Konsequenz lautet: Medienhäuser müssen lernen, wie Personenmarken funktionieren, ohne selbst zu bloßen Persönlichkeitsmaschinen zu werden. Wer das für trivial hält, kann weiter über Reichweitenverluste klagen. Nur bitte nicht überrascht sein, wenn die nächste Generation längst anders informiert wird.

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