Im Büro hängt der Bildschirm noch auf dem Call mit Brüssel, in der Küche läuft die Kaffeemaschine, und irgendwo dazwischen entscheidet sich Europas Zukunft. Nicht im Pathos, nicht in Sonntagsreden, sondern in der banalen Frage, wer in Krisen eigentlich etwas koordiniert. Genau dort setzt die Historikerin Anne Applebaum an: Das europäische Projekt stehe unter Druck aus zwei Richtungen, von Donald Trump und Wladimir Putin. Die zugespitzte Frage dahinter lautet: Bleibt Europa eigenständig, oder lässt es sich wieder in fremde Ordnungen hineinziehen?
Die Antwort ist komplizierter, als es die Schlagzeilen gern hätten. Ja, die Bedrohung ist real. Russland führt seit 2022 einen Angriffskrieg gegen die Ukraine; die EU hat darauf mit Sanktionen, Waffenhilfe über ihre Mitgliedstaaten und massiver finanzieller Unterstützung reagiert. Gleichzeitig bleibt die Abhängigkeit sichtbar: bei Energie, bei Rüstung, bei digitalen Plattformen, bei kritischer Infrastruktur. Und auf der anderen Seite der Atlantik ist die Lage nicht stabiler. Die zweite Trump-Präsidentschaft hat die alte Gewissheit zerstört, dass die USA Europa im Zweifel schon retten werden. Wer sich noch immer wie ein politischer Juniorpartner verhält, wird in Washington eben auch so behandelt.
Doch genau hier beginnt Europas organisatorisches Problem. Nicht die Idee der Union ist schwach, sondern ihre Fähigkeit, im Ernstfall schnell zu handeln. Die EU ist ein Meisterwerk der Abstimmung in ruhigen Zeiten und ein Hindernislauf in Krisen. 27 Regierungen, unterschiedliche Rüstungsbudgets, nationale Vetos, komplizierte Zuständigkeiten: Das ist kein romantischer Föderalismus, sondern oft schlicht ein Verwaltungsstau mit Flagge. Während in Kiew Raketen einschlagen, verhandeln europäische Hauptstädte noch darüber, wer eine Lieferung politisch tragen kann. Das klingt nach Technik, ist aber Machtfrage.
Ein nüchterner Blick auf die Zahlen macht das sichtbar. Laut dem Stockholm International Peace Research Institute entfielen 2023 rund 55 Prozent der weltweiten Militärausgaben auf die USA, während die EU-Staaten zusammen zwar viel Geld ausgeben, aber weit zersplittert. Europa hat also nicht zu wenig Ressourcen, sondern zu wenig gemeinsame Struktur. Der Punkt ist unbequem: 27 nationale Armeen ergeben noch keine europäische Handlungsfähigkeit. Sie ergeben vor allem 27 Beschaffungswege, 27 politische Reflexe und 27 Gründe, warum etwas noch abgestimmt werden muss.
Gerade im Alltag zeigt sich, wie fragil das ist. Eine Bürgermeisterin in Osteuropa will Schutz für ihre Energieanlagen. Ein Mittelständler in Süddeutschland braucht Planungssicherheit für Lieferketten. Eine Familie in Polen zahlt mehr für Sicherheit, weil der Krieg nicht weit weg ist. Und in Brüssel landet das alles in Ausschüssen, Arbeitsgruppen und Kompromisspapieren. Das ist nicht unwichtig. Aber es ist zu langsam für eine Zeit, in der Autokraten Geschwindigkeit als Waffe benutzen.
Natürlich gibt es die Gegenposition: Europa sei doch gerade wegen seiner Langsamkeit stark. Konsens statt Hauruck, Rechtsstaat statt Befehlslogik, Zusammenarbeit statt nationaler Muskelspiele. Das stimmt. Die EU ist kein Imperium und soll keines werden. Ihre Stärke liegt darin, Konflikte zu zivilisieren, nicht sie militärisch zu übertönen. Wer das vergisst, landet schnell bei jener gefährlichen Fantasie, dass Eigenständigkeit nur mit Härte, Aufrüstung und Abschottung zu haben sei.
Aber diese Gegenposition hat einen blinden Fleck. Sie verwechselt Vorsicht mit Ohnmacht. Wer sich bei Verteidigung, Energie und digitaler Souveränität auf Dauer auf andere verlässt, verteidigt nicht europäische Werte, sondern europäische Bequemlichkeit. Das zeigt sich auch beim Thema Energie: Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat die EU ihre Importabhängigkeit von russischem Pipelinegas stark reduziert; zugleich ist sie bei LNG, Rüstungskomponenten und Technologie weiter verletzlich. Unabhängigkeit ist also kein moralischer Zustand. Sie ist Organisationsarbeit. Langweilig, teuer, konfliktträchtig – und genau deshalb unvermeidlich.
Eine wenig beachtete Einsicht ist dabei, dass Europas Problem nicht nur außen, sondern innen liegt: Autokraten müssen die EU nicht unbedingt zerstören, wenn Europa sich selbst durch institutionelle Trägheit lähmt. Das ist der ungemütliche Teil von Applebaums Warnung. Trump und Putin können Druck machen. Aber die entscheidende Schwäche entsteht dort, wo Mitgliedstaaten nationale Kontrolle über kurzfristige gemeinsame Handlungsfähigkeit stellen. Die EU scheitert dann nicht an zu viel Integration, sondern an zu wenig Bereitschaft, sie praktisch durchzuziehen.
Die ehrliche Konsequenz lautet deshalb: Europa muss sich entscheiden, ob es ein politischer Raum mit eigener Macht werden will oder ein edles Koordinationsbüro für nationale Egoismen bleibt. Beides gleichzeitig funktioniert nur so lange, bis der nächste Krisenwinter kommt. Dann zeigt sich, ob die EU ein Projekt ist – oder bloß eine sehr teure Gewohnheit.
Weiterführende Links
- SIPRI Yearbook 2024: Military expenditure
- European Commission - The EU in support of Ukraine
- Council of the European Union - EU sanctions against Russia explained