Westeuropas Religionskrise — und warum Selbstverachtung keine Kultur verteidigt
Die NZZ setzt mit ihrer Schlagzeile einen Nerv frei, den viele in Westeuropa lieber mit höflichem Schweigen zudecken: Das Verhältnis zur eigenen Religion ist gestört, das Christentum wird oft als peinliches Erbe behandelt, während man beim Islam allzu schnell in die Rolle des verständnisvollen Zaungasts verfällt. Das ist zugespitzt formuliert, aber nicht aus der Luft gegriffen. Wer in vielen Städten sieht, wie Kirchen leerer werden, christliche Symbole nur noch als Folklore gelten und religiöse Konflikte zugleich mit maximaler Vorsicht diskutiert werden, erkennt das Muster: kulturelle Unsicherheit wird gern als Toleranz verkauft.
Genau hier beginnt das Problem mit dem Aufhänger von Quelle 1. Denn es geht nicht darum, eine Religion gegen die andere auszuspielen. Es geht darum, ob eine offene Gesellschaft überhaupt noch sagen kann, worauf sie selbst besteht. Wer alles aus Rücksicht relativiert, verteidigt am Ende nichts mehr. Das gilt für den öffentlichen Raum, für Schulen, für Gleichberechtigung, für Meinungsfreiheit. Eine Gesellschaft, die ihre eigenen Regeln nur noch entschuldigend erklärt, lädt andere ein, diese Regeln als verhandelbar zu betrachten. Und das ist keine Frage von Gefühlen, sondern von Ordnung.
Westeuropa hat sich an eine eigentümliche Bequemlichkeit gewöhnt: Man hält sich für modern, weil man religiöse Bindungen abstreift. Gleichzeitig erwartet man, dass Zuwanderer und Minderheiten die kulturellen Grundlagen dieser Ordnung irgendwie schon mittragen werden. Das funktioniert nur begrenzt. Denn Integration ist nicht bloß Verwaltung von Vielfalt, sondern auch Zumutung. Wer hier leben will, muss akzeptieren, dass der Staat nicht nach religiösem Sonderrecht sortiert, dass Frauen und Männer gleiche Rechte haben und dass Kritik an Religion erlaubt bleibt. Das klingt banal. Ist es aber offenbar nicht mehr.
Die provokante Pointe der NZZ lautet im Kern: Westeuropa verachtet das Christentum und biedert sich dem Islam an. Diese Formulierung ist hart, und sie ist an der Grenze zur Überzeichnung. Trotzdem trifft sie einen wahren Kern: Viele Eliten behandeln das eigene kulturelle Erbe mit Misstrauen, als sei jede Bindung schon ein Schritt zurück. Beim Christentum wird dann schnell an Schuld, Kolonialismus und Macht erinnert, selten an die historischen Quellen von Menschenwürde, Gewissensfreiheit oder der Trennung von weltlicher und geistlicher Macht. Das ist kein Plädoyer für Frömmigkeit. Es ist ein Hinweis darauf, dass man die eigene Herkunft nicht endlos abwerten kann, ohne die Gegenwart zu schwächen.
Gegenpositionen gibt es natürlich. Wer vor pauschalen Urteilen warnt, hat recht, wenn er auf die Vielfalt muslimischen Lebens in Westeuropa verweist. Millionen Muslime leben selbstverständlich in demokratischen Ordnungen, arbeiten, zahlen Steuern, erziehen Kinder und wollen nichts weiter als ein normales Leben. Wer daraus ein Kulturkampf-Schema macht, landet schnell bei billiger Empörung. Doch diese berechtigte Warnung darf nicht dazu führen, dass man reale Spannungen wegmoderiert. Es gibt Konflikte um Religionsfreiheit, um Geschlechterrollen, um das Verhältnis von Gesetz und religiöser Norm. Wer sie aus Angst vor dem falschen Ton nicht benennt, überlässt das Feld den Lautesten.
Der eigentliche blinde Fleck in Westeuropa liegt deshalb nicht im Islam allein, sondern in der eigenen Selbstentkernung. Ein Teil der politischen und kulturellen Klasse hat sich daran gewöhnt, nur noch gegen das Eigene zu argumentieren. Das wirkt moralisch sauber, ist aber sozial riskant. Denn Menschen akzeptieren Regeln eher, wenn sie verstehen, wofür sie stehen. Ein Gemeinwesen, das seine Werte nur noch als Verzichtserzählung formuliert, verliert Bindungskraft. Dann bleibt von der viel beschworenen Offenheit am Ende vor allem Unsicherheit übrig — und Unsicherheit ist ein schlechter Lehrer der Toleranz.
Die nüchterne Konsequenz lautet: Westeuropa braucht nicht mehr Selbsthass, sondern mehr kulturelle Klarheit. Das heißt nicht Rückkehr zu einem religiösen Staat, sondern die Erinnerung daran, dass Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaat nicht aus dem Nichts kommen. Wer die eigene Tradition nur noch als Problem behandelt, wird sie nicht modernisieren, sondern entwerten. Und eine Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr ernst nimmt, muss sich nicht wundern, wenn andere es auch nicht tun. Das ist die eigentliche Unbequemlichkeit hinter Quelle 1: Nicht der Glaube ist das Problem, sondern die Feigheit, ihn im öffentlichen Raum noch als Teil der eigenen Ordnung zu verteidigen.