Öl wirkt billig, weil wir die nächste Krise ausblenden
Öl ist gerade nicht teuer. Genau das ist die schlechte Nachricht. Wer an der Zapfsäule nur den moderaten Preis sieht, verwechselt Entwarnung mit Verdrängung. Die NZZ spricht von der grössten Krise in der Geschichte des Ölmarktes und nennt den Brennstoff trotzdem bemerkenswert günstig. Das ist kein Widerspruch, sondern das eigentliche Problem: Der Markt benimmt sich, als sei die Lage beherrschbar, obwohl sie es offenbar nicht ist.
Der aktuelle Ölpreis erzählt eine gefährliche Geschichte. Er sagt: Es wird schon gut gehen. Er sagt auch: Die Risiken sind bekannt, aber noch nicht teuer genug, um politisches Handeln zu erzwingen. Genau diese Art von trügerischer Ruhe hat den Energiemarkt schon oft getäuscht. Nicht weil die Warnzeichen fehlten, sondern weil sie sich im Tagesgeschäft verlieren. Wenn der Preis stabil bleibt, wirkt die Krise abstrakt. Erst wenn Tanker blockiert werden, Versicherungen steigen oder Lieferketten stocken, merken alle, wie fragil die angebliche Normalität war.
Das ist der blinde Fleck im Ölgeschäft: Der Preis misst nicht nur Knappheit, sondern auch Gewöhnung. Jahrzehntelang hat sich die Welt darauf verlassen, dass fossile Energie billig bleibt, weil irgendwer irgendwo weiter fördert, transportiert und die politischen Risiken wegmoderiert. Diese Bequemlichkeit ist teuer erkauft worden. Sie hat Staaten abhängig gemacht, Demokratien erpressbar und die Klimapolitik langsam. Wer heute sagt, Öl sei ja noch günstig, verteidigt oft nicht den Markt, sondern die eigene Untätigkeit.
Natürlich gibt es die Gegenposition. Solange Angebot und Nachfrage sich nicht dramatisch verschieben, sei Panik fehl am Platz, heisst es dann. Und ja: Ein Preisschock allein beweist noch keine unmittelbare Versorgungskrise. Aber genau das ist die zu einfache Lesart. Märkte reagieren nicht nur auf Gegenwart, sondern auf Erwartungen. Wenn geopolitische Spannungen im Nahen Osten, Sanktionen oder Engpässe im Schiffsverkehr die Risikoprämie nicht sofort hochjagen, ist das kein Zeichen von Stärke. Es ist oft ein Zeichen dafür, dass die Welt ihre Verwundbarkeit bereits eingepreist hat, nur eben mit einer erstaunlichen Portion Selbsttäuschung.
Besonders irritierend ist, wie schnell billiges Öl als Normalzustand verkauft wird. Dabei ist es eher ein Kredit auf Zeit. Die Rechnung kommt später, in Form von höheren Versicherungskosten, teureren Umwegen, politischer Instabilität und einem weiteren Jahr verlorener Energiewende. Das ist die unbequeme Wahrheit hinter dem scheinbar günstigen Preis: Nicht das Öl ist billig, sondern unsere Bereitschaft, die Folgekosten zu ignorieren.
Wer den aktuellen Ölpreis als Beruhigungspille liest, hat den Punkt verfehlt. Die Welt lebt nicht in Sicherheit, sie lebt in Gewöhnung. Und Gewöhnung ist im Ölmarkt oft nur die Vorstufe des nächsten Schocks.