Deutsche Autoindustrie vor dem Jobabbau: 225.000 Stellen weniger bis 2035 – und das ist erst der Anfang | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Deutsche Autoindustrie vor dem Jobabbau: 225.000 Stellen weniger bis 2035 – und das ist erst der Anfang

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225.000 Arbeitsplätze bis 2035: Diese Zahl ist kein Alarmsignal aus der linken Ecke, sondern die eigene Erwartung des Verbands der Automobilindustrie. Wer sie nur als Begleiterscheinung des E-Auto-Wandels abtut, macht es sich zu leicht. Denn hinter dem drohenden Beschäftigungsverlust steckt nicht nur Technik, sondern auch ein Jahrzehnt Managementsprache, die Probleme lieber in PowerPoint übersetzt als in Personalpolitik.

Die deutsche Autoindustrie ist nicht irgendein Sektor. Rund 780.000 Menschen arbeiteten 2024 laut Statistischem Bundesamt in der Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen. Wenn ein großer Teil dieser Wertschöpfung unter Druck gerät, trifft das nicht nur Montagehallen, sondern ganze Regionen: Zulieferer, Logistik, Werkzeugbau, Metallverarbeitung, Kommunen mit schmaler Steuerbasis. Der berühmte Satz, die Transformation müsse nur sozialverträglich gestaltet werden, klingt dann plötzlich weniger wie eine Floskel und mehr wie eine Überlebensfrage.

Der eigentliche Widerspruch ist bekannt, wird aber selten ehrlich ausgesprochen: Die Branche verliert Jobs nicht nur, weil Elektroautos weniger Teile brauchen. Sie verliert auch, weil über Jahre an den falschen Stellschrauben gedreht wurde. Zu lange galt Größe als Strategie, Plattformen als Heilsversprechen, und jedes Problem wurde mit einem neuen Buzzword geparkt: Resilienz, Synergien, Skalierung, Zukunftsfähigkeit. In der Praxis hieß das oft: hohe Gewinne im Kerngeschäft, vorsichtige Investitionen in Zukunftstechnologien und ein erstaunlich lockerer Umgang mit Strukturwandel.

Ein Beispiel dafür ist der Wandel vom Verbrenner zum E-Auto selbst. Der Unterschied liegt nicht im Marketing, sondern in der Produktion. Ein Elektroantrieb benötigt deutlich weniger bewegliche Teile als ein Verbrennungsmotor. Das ist keine Ideologie, sondern Fertigungslogik. Studien und Branchenanalysen verweisen seit Jahren darauf, dass besonders Arbeitsplätze in Motoren-, Getriebe- und Abgasstrangfertigung unter Druck geraten. Wer also so tut, als ließe sich die alte Beschäftigung einfach mit neuen Logos auf neuen Hauben erhalten, hat die Werkhalle offenbar nur aus der Vorstandsetage gesehen.

Gleichzeitig wäre es falsch, den Jobabbau nur als Managementversagen zu deuten. Auch die Nachfrage verschiebt sich. Der weltweite Wettbewerb ist härter geworden, China dominiert bei Batterien und hat bei E-Autos im Massenmarkt einen Vorsprung aufgebaut. Die EU verschärft mit ihren CO2-Flottengrenzwerten den Anpassungsdruck, und zwar bewusst. Die Richtung ist politisch gewollt: weniger Emissionen, mehr Elektrifizierung, weniger fossile Abhängigkeit. Der Haken ist nur, dass die Kosten des Übergangs in Deutschland bislang stärker bei Beschäftigten und Zulieferern landen als bei den Entscheidern, die die Umstellung jahrelang verschleppt haben.

Eine unbequeme, aber wichtige Einsicht lautet deshalb: Nicht jeder absehbare Stellenabbau ist automatisch ein Opfer der Technik. Ein Teil ist das Ergebnis einer Strategie, die auf Rendite, Dividende und kurzfristige Beruhigung setzte, statt auf Qualifizierung, Innovation und Umbau der Produktion. Das ist sozialpolitisch brisant, weil damit die Rechnung am Ende bei Menschen mit mittleren und niedrigeren Einkommen ankommt, die weder über Aktienpakete noch über Lobbyzugang verfügen.

Natürlich gibt es eine Gegenposition, und sie ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Die Autoindustrie bleibt ein zentraler Export- und Industriemotor, sie zahlt überdurchschnittliche Löhne und sichert indirekt Hunderttausende weitere Arbeitsplätze. Wer harte Regulierungen oder überhastete Verbote beklagt, verweist zu Recht darauf, dass ein Land wie Deutschland nicht einfach mit gutem Gefühl industrielle Substanz aufgeben kann. Auch die Umstellung auf Elektromobilität schafft neue Tätigkeiten: Batterieproduktion, Leistungselektronik, Software, Ladeinfrastruktur, Recycling. Nur ist die entscheidende Frage nicht, ob es neue Jobs gibt, sondern wo sie entstehen, wie gut sie bezahlt werden und wer den Übergang bezahlt.

Genau hier wird es politisch. Wenn aus der deutschen Autoindustrie netto hunderttausende Stellen verschwinden, reicht es nicht, den Markt zu beschwören und auf Innovation zu hoffen. Dann braucht es echte Industriepolitik: massive Weiterbildung, verbindliche Transformationspläne in den Betrieben, öffentliche Investitionen in Batteriewertschöpfung, Forschung und Netze sowie eine Absicherung für Regionen, die besonders hart getroffen werden. Das ist keine Romantik, sondern der Preis dafür, dass Deutschland nicht in eine Zweiklassengesellschaft der Industrie rutscht: hier die Hightech-Inseln, dort die Abrisskante.

Die unbequeme Schlussfolgerung lautet: Wenn die Autoindustrie bis 2035 tatsächlich 225.000 Stellen verliert, dann ist das nicht nur ein Umbruch der Technik, sondern ein Test für den politischen Ernstfall. Wer ihn weiter mit Management-Phrasen und weichen Ankündigungen begleitet, organisiert am Ende nicht den Wandel, sondern nur dessen soziale Kosten.

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