Zwei Euro pro Paket: Warum die neue Paketsteuer vor allem die Logistik trifft | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Zwei Euro pro Paket: Warum die neue Paketsteuer vor allem die Logistik trifft

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Ein Paket kostet künftig nicht mehr nur Ware, Versand und Zoll, sondern auch noch zwei Euro Abgabe. Klingt nach einem kleinen Betrag, ist aber politisch eine ziemlich große Ansage: Denn die neue Paketsteuer soll nicht den Einkauf im Netz generell treffen, sondern vor allem große Onlineplattformen und Unternehmen, die damit Umsätze machen. Der Staat rechnet mit rund 280 Millionen Euro Einnahmen. Für die Budgetkasse ist das ordentlich. Für die Frage, wie fair der Onlinehandel organisiert ist, ist die Steuer aber erst der Anfang.

Die Debatte ist so einfach wie unangenehm: Ein systematisch wachsender Markt verursacht echte Kosten, die bisher zu einem guten Teil bei Post, Zoll, Städten und letztlich der Allgemeinheit landen. Mehr Pakete bedeuten mehr Zustellfahrten, mehr Sortieraufwand, mehr Retouren, mehr Verpackung und mehr Druck auf die Infrastruktur. Wer täglich Lieferwagen in engen Straßen beobachtet, weiß: Das ist kein abstraktes Thema, sondern eine Organisationsfrage. Nur ist die politische Antwort nun ausgerechnet eine Pauschale pro Paket. Und genau da beginnt das Problem.

Eine Paketsteuer ist nämlich kein sanftes Lenkungsinstrument, sondern ein grobes Werkzeug. Zwei Euro klingen nach wenig, können aber je nach Warenwert und Marge einen großen Unterschied machen. Für ein 15-Euro-Shirt ist der Aufschlag massiv, für ein 300-Euro-Elektronikprodukt kaum spürbar. Das ist politisch gewollt, weil billige Massenware stärker getroffen werden soll. Ökonomisch ist es aber auch eine Art Zufallssteuer: Sie unterscheidet nicht nach Gewicht, Entfernung, Verpackungsaufwand oder tatsächlicher Zustellbelastung. Ein kleines Paket mit teurem Inhalt zahlt gleich viel wie ein großes mit billigem.

Genau hier liegt ein wenig beachteter Punkt: Die Steuer trifft nicht automatisch die mit den größten Gewinnen, sondern die mit den meisten Sendungen. Das ist nicht dasselbe. Ein Marktplatzbetreiber mit hoher Stückzahl, aber dünnen Margen im Niedrigpreissegment kann stärker belastet werden als ein Anbieter mit teureren Waren und weniger Sendungen. Wer also glaubt, hier werde einfach nur der große Digitalkonzern zur Kasse gebeten, übersieht die organisatorische Realität: Am Ende entscheidet nicht die Moral des Geschäftsmodells, sondern die Struktur der Lieferkette.

Die Befürworter haben trotzdem ein starkes Argument. Der Onlinehandel ist nicht gratis für die Gesellschaft. Das zeigt sich besonders bei Rücksendungen. In der EU werden Mode, Schuhe und Elektronik besonders häufig retourniert; je nach Branche und Land liegen die Quoten deutlich auseinander, bei Mode sind sehr hohe Werte keine Seltenheit. Jede Retoure bedeutet zusätzliche Transporte, zusätzliche Bearbeitung und zusätzliche Entsorgung, wenn Waren nicht mehr als neu verkauft werden können. Wer billige Schnellbestellungen möglich macht, organisiert eben auch die Müll- und Verkehrsprobleme gleich mit. Eine Pauschale pro Paket ist deshalb nicht elegant, aber sie ist politisch leicht zu administrieren. Und Verwaltungsvorteile zählen nun einmal, wenn man eine Steuer nicht nur beschließen, sondern auch tatsächlich einheben will.

Die Gegenposition ist allerdings nicht schwach. Eine Paketsteuer kann am Ende an Konsumentinnen und Konsumenten weitergereicht werden, vor allem dort, wo Preise ohnehin knapp kalkuliert sind. Dann trifft sie nicht nur die Plattformen, sondern auch jene, die im Netz kaufen, weil es in der Nähe kein passendes Angebot mehr gibt. Das ist der unbequeme Teil: Wer nur das Paket besteuert, besteuert nicht die Ursachen. Eine leerere Fußgängerzone entsteht nicht durch zwei Euro pro Lieferung, sondern durch Mietkosten, verändertes Kaufverhalten und eine Handelspolitik, die den stationären Handel lange für strukturelle Fragen zuständig machte, aber kaum für strukturelle Hilfe.

Eine klügere Ordnung wäre deshalb nicht die romantische Rückkehr zum Laden um die Ecke, sondern eine sauberere Kostenrechnung. Wer viele Sendungen erzeugt, soll auch für die Folgekosten zahlen. Wer besonders viel Retourenverkehr auslöst, sollte stärker belastet werden als jemand, der einmal im Monat ein Buch bestellt. Und wer über große Plattformen standardisierte Massenware vertreibt, kann einen höheren Beitrag eher schultern als kleine Händler, die ohnehin schon an Versand, Verpackung und Zahlungsgebühren hängen. Dass die Politik stattdessen zuerst eine relativ einfache Pauschale wählt, ist verständlich. Dass sie sie als gerechte Lösung verkauft, wäre zu bequem. Bürokratie liebt Pauschalen. Gerechtigkeit eher nicht.

Am Ende ist die Paketsteuer deshalb weder der große Onlinehandel-Killer noch ein bloßer PR-Gag. Sie ist ein Signal, dass der E-Commerce seine versteckten Nebenkosten nicht länger vollständig auslagern kann. Aber wenn der Staat schon 280 Millionen Euro einsammeln will, dann sollte er wenigstens ehrlich sein: Nicht das Paket ist das Problem. Problematisch ist ein System, das die letzte Meile billig hält und die Rechnung an die Allgemeinheit weiterreicht.

Wer künftig zwei Euro pro Paket verlangt, greift zwar in den Alltag ein. Die eigentlich unbequeme Konsequenz lautet aber: Wenn der Onlinehandel seine Logistikfolgen nicht selbst fairer bezahlt, wird der Staat irgendwann noch gröber zugreifen müssen. Und dann wird aus einer Paketsteuer schnell die freundlichste Variante von Ordnungspolitik, die man noch bekommen konnte.

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