Kickl-Büroleiter Teufel beim Netzwerktreffen der Neuen Rechten: Wenn die Distanz nur auf dem Papier steht | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Kickl-Büroleiter Teufel beim Netzwerktreffen der Neuen Rechten: Wenn die Distanz nur auf dem Papier steht

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Anfang Mai wird Schloss Albeck in Kärnten wieder ein Ort sein, an dem sich die politische Bezeichnung selbst erledigt und die Szene lieber von Diskurs spricht. Auf dem Programm: ein Netzwerktreffen der deutschsprachigen Neuen Rechten, beobachtet vom Verfassungsschutz. Dass ausgerechnet ein Büroleiter von Herbert Kickl dort auftaucht, ist mehr als eine Randnotiz. Es ist ein Testfall dafür, wie glaubwürdig die viel bemühte Distanz zwischen parlamentarischer Politik und rechter Vorfeldszene noch ist.

Der Befund ist zunächst unspektakulär und gerade deshalb aufschlussreich: Die Neue Rechte sucht seit Jahren nicht mehr nur die offene Provokation, sondern Anschlussfähigkeit. Sie arbeitet mit Tagungen, Verlagen, Medienprojekten und scheinbar akademischen Formaten. Das ist kein Zufall, sondern Strategie. Wer nicht wie ein Problem wirken will, organisiert sich wie ein Netzwerk. Und wer nicht nach Radikalität aussehen will, spricht von Metapolitik. Das klingt harmlos, ist aber in der Praxis oft die Vorbereitung einer Normalisierung.

Genau hier beginnt das medienkritische Problem. Denn über solche Treffen wird häufig erst dann berichtet, wenn Namen aus dem Umfeld etablierter Parteien auftauchen oder wenn der Verfassungsschutz mitliest. Dann entsteht schnell ein journalistisches Muster: Erst die Überraschung, dann die Empörung, am Ende die kurze Einordnung. Was dabei leicht untergeht, ist die eigentliche Struktur. Die Neue Rechte lebt nicht davon, dass jeder Programmpunkt spektakulär wäre. Sie lebt davon, dass viele Schnittstellen unscheinbar bleiben: Referenten, Redaktionen, Vereinsadressen, private Kontakte, gegenseitige Einladungen. Das Skandalisierbare ist oft nur die Oberfläche eines ziemlich geduldigen Netzwerkbetriebs.

Die österreichische Sicherheitsbehörde hat das Prinzip nicht ohne Grund im Blick. Der Verfassungsschutzbericht des Innenministeriums arbeitet seit Jahren mit Kategorien wie Rechtsextremismus, Identitäre Bewegung und verfassungsgefährdende Radikalisierung. Eine konkrete Zahl zum Albeck-Treffen liegt öffentlich meist nicht vor; gerade deshalb ist die Beobachtung relevant. Wo es keine belastbare Transparenz gibt, wächst der Raum für freundliche Selbstbeschreibung. Und die lautet dann regelmäßig: Man sei ja nur konservativ, kritisch, heimatverbunden. Das Problem daran ist nicht, dass diese Wörter verboten wären. Das Problem ist, dass sie in rechten Milieus oft als Tarnsprache für sehr viel härtere politische Ziele dienen.

Eine zweite, unbequeme Ebene betrifft die Medien selbst. Berichterstattung über solche Veranstaltungen kann unfreiwillig zur Bühne werden. Wer jedes provokante Zitat groß aufmacht, liefert Reichweite; wer nur wegschaut, normalisiert indirekt. Der deutsche Medienwissenschaftler Jürgen Habermas ist dafür keine gute Feigenblattfigur, aber die Praxis ist bekannt: Öffentliche Aufmerksamkeit ist nicht automatisch Aufklärung. Gerade im rechten Spektrum wird sie strategisch eingepreist. Dass ein Treffen in einem Schloss stattfindet, ist dafür beinahe ideal: historisches Ambiente, intellektueller Anstrich, genügend Abstand zu den politischen Folgen. Ein Schloss macht aus einer politischen Vernetzung schnell eine Kulturveranstaltung. Die Tapete ist hier Teil der Botschaft.

Die Verteidigungslinie ist trotzdem nicht völlig aus der Luft gegriffen. Wer auf solchen Treffen bloß anwesend ist, hat nicht automatisch jede Position der Veranstalter übernommen. In einer offenen Gesellschaft darf man Debatten nicht schon durch den Ort der Debatte verbieten. Auch ein Büroleiter ist nicht die Partei, und nicht jede Berührung mit dem rechten Milieu beweist eine institutionelle Linie. Diese Einwände sind ernst zu nehmen. Gerade deshalb braucht es saubere Kriterien statt bloßer Gesinnungsverdächtigungen: Wer spricht dort? Welche Netzwerke werden gepflegt? Welche Inhalte werden normalisiert? Welche Distanz wird behauptet und welche Praxis gelebt?

Der eigentliche Widerspruch liegt genau hier: Politische Akteure profitieren von einer harten Rhetorik nach innen und von einer harmlosen Fassade nach außen. Medien berichten oft nur dann präzise, wenn der Druck schon groß ist; bis dahin bleibt die Szene in einer Grauzone aus Andeutung und Anschlussfähigkeit. Die FPÖ hat in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt, wie nah ihre Ränder an jene Milieus heranreichen, die sich selbst als intellektuelle Avantgarde verstehen und politisch doch auf dieselbe Verschiebung hinauslaufen: weniger Offenheit, mehr Abschottung, mehr kulturelle Feindmarkierung. Das ist nicht bloß ein Stilproblem. Es verändert den Rahmen dessen, was später als normal gilt.

Eine wenig beachtete Einsicht ist dabei: Die Neue Rechte gewinnt nicht nur über Zustimmung, sondern auch über den Reflex, sie ständig als bloßes Randphänomen abzutun. Wer jede Vernetzung sofort als exotische Episode behandelt, unterschätzt die geduldige Wirkung solcher Treffen. Und umgekehrt ist es ein Irrtum zu glauben, dass ein beobachtetes Netzwerktreffen schon den großen politischen Durchbruch markiert. Meist ist es weniger dramatisch und gerade deshalb wirksamer: ein weiterer Knoten im Geflecht. Nicht der Paukenschlag entscheidet, sondern die Wiederholung.

Deshalb ist das Albeck-Treffen kein Anlass für Alarmismus, aber für Nüchternheit mit Gedächtnis. Wenn ein Büroleiter aus dem Umfeld von Herbert Kickl bei einem Netzwerktreffen der Neuen Rechten auftaucht, dann ist die interessantere Frage nicht, ob das formal schon etwas beweist. Die Frage ist, warum solche Kontakte in Österreich immer noch als Überraschung verkauft werden können, obwohl die Szene seit Jahren offen auf Anschluss arbeitet. Die unbequeme Konsequenz ist simpel: Wer die rechte Normalisierung wirklich stoppen will, darf nicht erst dann hinschauen, wenn die Schlagzeile fertig ist. Sonst berichtet man am Ende nicht über Politik, sondern nur noch über deren gut möblierte Vorzimmer.

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