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Wir gehören euch nicht: Wie Journalistinnen mit Hass und Angriffen arbeiten

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Eine Journalistin berichtet über Korruption, Migration oder Klima – und kurz darauf landet im Postfach kein Widerspruch, sondern ein Kommentar über ihr Aussehen, ihre Sexualität oder die Drohung, sie zu finden. Das ist kein Nebenkriegsschauplatz der Debatte. Es ist Arbeitsalltag. Und zwar einer, der sich anders anfühlt als ein normaler beruflicher Gegenwind: weniger Kritik an der Sache, mehr Angriff auf die Person.

Dass Journalistinnen überdurchschnittlich oft Ziel von Hassrede und digitalen Angriffen werden, ist gut belegt. Eine große internationale Befragung von 2020 unter 1.200 Journalistinnen aus 121 Ländern ergab, dass 73 Prozent online Gewalt erlebt hatten; 25 Prozent berichteten von Offline-Attacken in Verbindung mit der digitalen Hetze. Solche Zahlen sind nicht bloß ein Empörungsthema, sondern ein arbeitspsychologisches Problem: Wer regelmäßig bedroht, sexualisiert oder eingeschüchtert wird, arbeitet nicht mehr unter normalem Druck, sondern unter Daueranspannung.

Der blinde Fleck liegt darin, dass viele Medienhäuser Hass gegen Journalistinnen immer noch als unvermeidliche Begleitmusik des Berufs behandeln. Ein bisschen dickes Fell, ein paar Sicherheitstipps, vielleicht noch ein Social-Media-Seminar – fertig. Nur ist das zu kurz gedacht. Arbeitspsychologisch zählt nicht nur, ob jemand eine Attacke “wegsteckt”, sondern was die ständige Alarmbereitschaft mit Konzentration, Schlaf, Teamvertrauen und beruflicher Bindung macht. Wer nachts prüft, ob die eigene Adresse kursiert, schreibt am nächsten Morgen nicht freier, nur weil der Kommentarbereich angeblich offen ist.

Übersehen wird dabei oft ein zweiter Punkt: Der Hass ist nicht gleich verteilt. Er trifft Journalistinnen nicht nur häufiger, sondern häufig auch anders. Geschlechtsspezifische Beschimpfungen zielen darauf, Autorität zu untergraben: Das Argument wird nicht widerlegt, sondern die Sprecherin soll klein gemacht werden. Das ist kein Zufall und auch keine bloße Entgleisung einzelner Trolle. Es ist eine Form von sozialer Disziplinierung. Übersetzt heißt das: Wer unbequem fragt, soll lernen, dass der Preis dafür nicht nur Widerspruch ist, sondern Entwertung.

Natürlich gibt es Gegenargumente. Das Internet sei eben rau, sagen manche, und wer öffentlich auftritt, müsse harte Reaktionen aushalten. Das stimmt nur halb. Kritik an journalistischer Arbeit gehört zur Demokratie. Aber Drohungen, sexualisierte Beschimpfungen und koordinierte Einschüchterung sind keine “harte Kritik”, sondern ein Angriff auf Berufsausübung und Meinungsfreiheit. Wer beides vermischt, verteidigt am Ende nicht die Debatte, sondern die Einschüchterung.

Überraschend ist auch: Manche Journalistinnen reagieren nicht mit Rückzug, sondern mit strategischer Härte. Sie dokumentieren Angriffe, schalten Kolleginnen ein, setzen Grenzen in der Ansprache und ändern Arbeitsroutinen. Das ist professionell, aber es ist auch ein Symptom dafür, dass die Organisationen drumherum oft zu langsam reagieren. Die psychologische Last wird individualisiert: Die Betroffene soll das Problem managen, statt dass Redaktion, Plattformen und Arbeitgeber die Arbeitsbedingungen ändern. Ein ziemlich bequemer Deal – für alle außer den Betroffenen.

Der vernünftigste Schluss ist deshalb unbequem: Wer journalistische Arbeit ernst nimmt, muss digitale Gewalt gegen Journalistinnen als Teil der Arbeitswelt behandeln, nicht als privaten Störfall. Sonst bleibt die Freiheit der Presse eine schöne Formel, während im Alltag ausgerechnet die Frauen den Preis dafür zahlen. Und ja: Eine Demokratie, die das achselzuckend hinnimmt, verwechselt Öffentlichkeit mit Opferrolle.

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