Žižek gegen Pfaller: Warum der Wiener Abend mehr über Politik als über Philosophie verriet | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Žižek gegen Pfaller: Warum der Wiener Abend mehr über Politik als über Philosophie verriet

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Slavoj Žižek hat in der Wiener Kulisse wieder geliefert: schnelle Pointen, grobe Kanten, viel Weltlage. Und der Saal hatte seinen Spaß. Genau darin liegt aber auch das Problem. Wer heute über Politik spricht, kann sich mit Ironie und Größenkritik mühelos Applaus sichern. Schwieriger ist die Frage, was danach organisatorisch besser wird.

Žižek ist seit Jahren ein Popstar der Theorie, Robert Pfaller sein naheliegender Gegenpol: weniger Show, mehr Struktur, oft mit dem Hinweis, dass linke Politik nicht an schlechten Gefühlen, sondern an schwachen Formen scheitert. Diese Spannung ist produktiv. Denn sie verweist auf ein Muster, das in Parteien, NGOs und Bewegungen ständig zu sehen ist: kluge Diagnosen, aber zu wenig belastbare Übersetzung in Routinen, Zuständigkeiten und Prioritäten. Die politische Lage ist nicht deshalb so unerquicklich, weil alle zu wenig kritisch wären. Sondern weil kritisches Denken oft nicht in belastbare Organisation mündet.

Ein nüchterner Blick hilft. Die ILO Global Social Justice Report 2024 verweist darauf, dass soziale Ungleichheit und prekäre Beschäftigung nicht verschwunden sind; weltweit bleibt also genügend Stoff für linke Kritik. Gleichzeitig zeigt das UNDP Human Development Report 2023/24, dass menschliche Entwicklung stark davon abhängt, ob Staaten und Institutionen Krisen in verlässliche Abläufe übersetzen. Die unbequeme Pointe: Politische Moral allein baut keine Verwaltung, keine Kampagnenfähigkeit und keine Mehrheiten.

Genau hier liegt Žižeks stärkste und schwächste Seite zugleich. Stärkste, weil er den ideologischen Nebel vertreibt und den Komfort linker Selbstgewissheit angreift. Schwächste, weil seine Methode oft beim rhetorischen Sprengsatz endet. Das ist unterhaltsam, manchmal erhellend, aber organisatorisch nur halb brauchbar. Wer jede Ordnung sofort verdächtigt, bekommt zwar geistige Beweglichkeit, aber selten stabile Strukturen. Und ohne Strukturen verliert selbst die beste Kritik an Reichweite. Ein kleiner, fast altmodischer Gedanke: Eine Bewegung gewinnt nicht, weil sie die klügsten Texte hat, sondern weil sie Termine einhält, Rollen klärt und Konflikte aushält.

Fair ist allerdings auch die Gegenposition. Žižeks Zugriff schützt vor technokratischer Einfalt. Er erinnert daran, dass politische Organisation nicht zum Selbstzweck werden darf. Viele Apparate verwalten heute nur noch ihre eigene Fortsetzung; sie sind ordentlich organisiert und politisch erstaunlich leer. Das Problem ist also nicht Organisation an sich, sondern Organisation ohne Urteil. Wer nur noch Prozesse optimiert, bekommt am Ende die berühmte gute Verwaltung des Stillstands.

Die sinnvollere Lehre aus dem Wiener Abend ist deshalb weder: mehr Žižek! noch: endlich weniger Theorie! Sondern: Kritik muss in organisatorische Disziplin übersetzt werden. Drei einfache Fragen wären dafür schon revolutionär genug: Wer entscheidet? Wer setzt um? Woran wird gemessen, ob etwas wirkt? Solange linke Politik darauf ausweicht, lieber brillant zu reagieren als verlässlich zu bauen, bleibt sie in der Kommentarspalte der Geschichte.

Žižek schickt Pfaller natürlich nicht in den Gulag. Aber der Satz taugt als Diagnose: In der politischen Debatte wird viel eingelagert, sortiert, archiviert und ironisiert. Was fehlt, ist nicht noch ein funkelnder Einwurf. Was fehlt, ist die trockene, unsexy, aber entscheidende Arbeit an Organisation. Wer das für provinziell hält, darf gern weiter klatschen. Wer Politik ernst nimmt, muss anfangen zu bauen.

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