Sacher-Chef Winkler: Warum „mehr arbeiten“ keine Antwort auf den Fachkräftemangel ist | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Sacher-Chef Winkler: Warum „mehr arbeiten“ keine Antwort auf den Fachkräftemangel ist

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In der Hotellobby des Sacher wirkt alles wie aus einer anderen Zeit: Patina, Prunk, Perfektion. Und doch ist die eigentliche Frage hochmodern. Wenn Sacher-Chef Matthias Winkler sagt, wir werden mehr und länger arbeiten müssen, klingt das nach der alten österreichischen Reflexantwort auf jedes Arbeitsmarktproblem: mehr Einsatz, weniger Diskussion. Nur ist der Fachkräftemangel damit nicht gelöst. Er wird höchstens besser verwaltet.

Die nackten Zahlen sind bekannt, aber unbequem. Laut Statistik Austria ist die Erwerbstätigenquote der 15- bis 64-Jährigen in Österreich 2023 zwar hoch, gleichzeitig schrumpft die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter langfristig. Die Demografie arbeitet nicht für die Betriebe, sondern gegen sie. Weniger junge Menschen kommen nach, während die Babyboomer in Pension gehen. Wer daraus nur den Schluss zieht, dass alle übrigen länger schuften sollen, verwechselt Symptom und Ursache.

Gerade im Gastgewerbe ist das Problem oft hausgemacht. Die Branche hat jahrelang mit niedrigen Löhnen, unregelmäßigen Arbeitszeiten und einer romantischen Erzählung vom Beruf aus Leidenschaft gearbeitet. Das ist charmant, solange die Miete nicht teurer ist als das Pathos. Wer junge Menschen halten will, muss nicht nur ausbilden, sondern Arbeitsplätze bauen, die mit dem Leben kompatibel sind. Sonst bleibt jede Lehrlingskampagne ein hübsch fotografierter Zwischenstopp.

Winkler hat insofern recht, als sich manche Tätigkeiten technologisch nicht einfach wegautomatisieren lassen. Ein Spitzenhotel lebt von menschlichem Service, nicht von Selbstbedienung auf Steroiden. Aber genau hier liegt der blinde Fleck: Nicht jede zusätzliche Arbeitsstunde ist produktiv, und nicht jede offene Stelle muss mit einem Menschen gefüllt werden. In vielen Betrieben ließen sich Prozesse längst digital entlasten: bessere Dienstplanung, automatische Lagerhaltung, KI-gestützte Nachfrageprognosen, digitale Gästekommunikation, weniger manuelle Routine. Das klingt weniger heroisch als mehr arbeiten, spart aber genau dort Zeit, wo sie heute verbrannt wird.

Ein wenig bekanntes Detail ist, wie stark Produktivität im Dienstleistungssektor an der Organisation hängt. Eine OECD-Analyse zeigt seit Jahren, dass Österreichs Produktivitätswachstum im Vergleich zu vielen anderen Industrieländern eher schwach ausgefallen ist. Das ist keine Naturgewalt, sondern oft Folge kleiner Reibungsverluste: doppelte Erfassung, schlechte Software, unnötige Wege, veraltete Abläufe. Im Hotel merkt man das besonders schnell. Wenn jede Übergabe händisch läuft, jeder Schichtplan improvisiert wird und die Technik nur als teures Dekoobjekt existiert, dann wird Arbeitskraft schlicht verschwendet.

Die Gegenposition verdient Fairness: Wer heute Personal sucht, findet oft niemanden sofort. Viele Betriebe müssen Aufträge ablehnen, Öffnungszeiten verkürzen oder Dienstleistungen reduzieren. Mehr Arbeitskräfte wären tatsächlich hilfreich. Nur ist mehr und länger arbeiten als gesellschaftliches Leitbild eine riskante Abkürzung. Österreich hat ohnehin schon ein hohes Teilzeitniveau, vor allem bei Frauen, oft nicht aus Bequemlichkeit, sondern wegen Betreuungspflichten und fehlender Vollzeitangebote. Wer mehr Arbeitszeit will, muss zuerst jene Hürden senken, die Menschen in Teilzeit drängen. Sonst verlangt man Verfügbarkeit, ohne die Infrastruktur dafür zu liefern.

Das Hotel Sacher zeigt immerhin, dass Ausbildung noch etwas bewirken kann. Gute Lehrlingsausbildung, frühe Verantwortung und ein klares Qualitätsversprechen machen einen Betrieb attraktiver als jede PR-Kampagne. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn die Branche junge Leute ernsthaft gewinnen will, braucht sie nicht nur bessere Ausbilder, sondern bessere Systeme. Technologie ist dabei kein Gegner der Gastlichkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Gastlichkeit nicht auf Dauer zur Selbstausbeutung der Beschäftigten wird.

Am Ende ist die unbequeme Wahrheit ziemlich schlicht: Ein Land kann nicht gleichzeitig über Fachkräftemangel klagen und so tun, als sei mehr Arbeitszeit die modernste Antwort. Wer heute nur länger arbeiten will, organisiert vor allem die Knappheit von morgen. Wirklich fortschrittlich ist nicht der Betrieb, der seine Leute am längsten beschäftigt, sondern der, der ihre Zeit am klügsten nutzt.

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