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Wiener Festwochen mit Courage und Rage: Ein Jubiläum, das mehr sein will als Festbetrieb

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75 Jahre Wiener Festwochen: Das klingt nach Tradition, nach Rotwein im Foyer und nach dem beruhigenden Gefühl, dass Kultur in Wien schon irgendwie von selbst weiterläuft. Tut sie nicht. Genau deshalb ist der Auftakt mit Milo Raus Produktion „Das beste Stück aller Zeiten“ mehr als ein Jubiläumsgala-Moment. Er ist eine Probe darauf, ob ein großes Festival noch Gegenwart kann – oder nur Erinnerung verwaltet.

Die Festwochen wurden 1951 gegründet, also in einer Stadt, die nach Krieg und Zäsur ihre kulturelle Selbstvergewisserung suchte. Heute ist die Lage anders, aber nicht harmloser. Kultur muss sich nicht mehr nur gegen Ruinen behaupten, sondern gegen Aufmerksamkeitsökonomie, Sparzwänge und die bequeme Gewohnheit, Diversität als Etikett zu feiern, solange sie den Betrieb nicht stört. Dass das Festival seinen 75. Geburtstag mit einer Produktion eröffnet, die schon im Titel pathetisch und ironisch zugleich auftritt, ist darum kein Zufall. Es ist eine Ansage.

Die unbequeme Wahrheit: Viele Festivals lieben das Wort Courage, solange es auf Plakaten steht. Wenn Kunst aber wirklich reizt, also Widerspruch erzeugt, Machtverhältnisse sichtbar macht und das eigene Publikum nicht nur bestätigt, wird die Begeisterung oft dünn. Milo Rau ist genau dafür bekannt. Er sucht nicht die gefällige Form, sondern die Reibung. Das ist produktiv, aber auch riskant. Denn Reibung wird in der Kultur gern als Qualität gelobt, solange sie nicht die eigene Förderlogik, die eigene Szene oder das eigene Selbstbild beschädigt. Dann heißt es schnell, provokant sei ja schön, nur bitte nicht so direkt.

Ein Blick auf die Zahlen hilft, die Patina etwas abzuwischen: Laut dem Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung machten Kunst, Kultur und Unterhaltung in Österreich 2022 rund 4,6 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung aus, also ein relevanter Teil der Ökonomie, nicht bloß Dekoration. Gleichzeitig bleibt die Branche prekär organisiert; befristete Jobs, Projektlogik und unsichere Einkommen sind eher Regel als Ausnahme. Wer also Kultur nur als Identitätspflege behandelt, unterschätzt ihren tatsächlichen gesellschaftlichen Preis. Und wer Festivals ausschließlich nach Auslastung beurteilt, reduziert sie auf Eventmanagement. Beides ist zu kurz gedacht.

Eine häufige Gegenposition lautet: Gerade in Zeiten politischer Erschöpfung brauche es große Festivalmomente, die Menschen zusammenbringen. Das stimmt. Aber Zusammenbringen ist nicht dasselbe wie Beruhigen. Ein Festival, das nur bestätigt, was das gebildete Publikum ohnehin denkt, produziert Harmonie im Halbdunkel. Nett, aber folgenlos. Die interessantesten kulturellen Ereignisse sind oft die, nach denen man sich nicht sofort klüger fühlt, sondern zuerst irritiert. Das ist kein Mangel, sondern ihre öffentliche Funktion.

Die weniger offensichtliche Frage lautet deshalb: Was bleibt von einem Jubiläum, wenn der Anlass wichtiger wird als die Haltung? Die Festwochen können zeigen, dass ein großes Festival nicht veraltet sein muss, wenn es Konflikt nicht scheut. Oder sie könnten in die klassische Falle älterer Institutionen tappen: Sie feiern ihre Geschichte so gründlich, dass sie die Gegenwart nur noch museal anschaut. Die zweite Variante wirkt respektabel. Langfristig ist sie tödlich. Denn Institutionen sterben selten spektakulär; sie werden langsam belanglos.

Genau darin liegt die Stärke dieses Starts: Er zwingt Wien, die eigene Kulturliebe nicht mit kultureller Bequemlichkeit zu verwechseln. 75 Jahre Wiener Festwochen sind kein Beweis für dauerhafte Relevanz. Sie sind erst dann einer, wenn das Festival mehr wagt als das gepflegte Erinnern. Wer heute nur den Geburtstag feiert, hat das nächste Jahrzehnt schon verloren. Wer Kunst will, muss die Störung aushalten. Alles andere ist bloß edel verpackte Selbstbestätigung.

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