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Warum Wohnungen oft noch für Männer gedacht sind

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Der Kinderwagen steht im engen Vorraum, die Einkaufstasche blockiert die Tür, und jemand versucht noch schnell den Laptop auf dem Küchentisch zu öffnen. In vielen Wohnungen ist genau dieser Moment nicht mitgedacht worden. Nicht, weil Architekten grundsätzlich gegen Frauen planen würden. Sondern weil der Alltag, der hier Platz finden soll, lange genug als Nebensache galt.

Sabina Riss, Architektin und Stadtforscherin, bringt den Vorwurf auf einen einfachen Punkt: Viele Wohnungen seien nicht für Frauen gemacht. Das klingt provokant, ist aber weniger kulturkämpferisch als nüchtern. Denn wer zahllose Grundrisse betrachtet, erkennt ein altes Ideal: ein repräsentatives Wohnzimmer, eine abgeschlossene Küche, ein Flur als Restfläche. Das passt zu einem Familienbild, in dem jemand daheim die Arbeit unsichtbar erledigt, während ein anderer draußen verdient. Die Wände sind neutral. Der Plan dahinter nicht.

Arbeitspsychologisch ist das brisant. Wohnen ist längst nicht nur Erholung, sondern Logistik, Care-Arbeit, Homeoffice und Koordination. Gerade in Haushalten mit Kindern übernehmen Frauen in Österreich und Deutschland weiterhin den größeren Teil unbezahlter Sorgearbeit; das zeigen Zeitverwendungsdaten regelmäßig, auch wenn die genaue Lücke je nach Erhebung schwankt. Wer morgens Brotdosen packt, Mails beantwortet und gleichzeitig ein Kind anzieht, braucht kurze Wege, Sichtachsen, Stauraum und Räume, die mehrere Tätigkeiten parallel zulassen. Eine Wohnküche ist deshalb nicht nur ein Stiltrend. Sie ist oft schlicht effizienter für Menschen, die im Alltag dauernd zwischen Rollen springen.

Ein überraschender Punkt: Offenere Grundrisse werden oft mit Modernität verkauft, sind aber nicht automatisch feministisch. Für viele, die zu Hause konzentriert arbeiten oder Care-Arbeit organisieren, kann ein komplett offener Wohnbereich auch Stress verstärken. Es gibt dann keinen Ort, an dem sich Tätigkeiten entkoppeln lassen. Wer in einer Videokonferenz sitzt, während daneben gekocht, gespielt und gesucht wird, merkt schnell: Offenheit spart Wände, aber nicht unbedingt Nerven. Gute Wohnungen müssen nicht offen sein. Sie müssen umschaltbar sein.

Die andere Seite verdient aber Fairness. Wer sagt, Wohnungen seien nicht für Frauen gemacht, riskiert eine Verkürzung. Schlechte Grundrisse schaden Männern genauso: zu wenig Stauraum, unpraktische Wege, schlechte Akustik, kaum Platz für Homeoffice oder Pflege von Angehörigen. Das Problem ist also nicht der weibliche Sonderfall, sondern ein Standard, der den realen Alltag vieler Menschen zu wenig ernst nimmt. Die Norm war lange ein Haushaltsmodell aus dem 20. Jahrhundert. Dass dieses Modell heute noch in Neubauten durchscheint, ist weniger Tradition als Trägheit.

Ein zweiter blinder Fleck: Wohnarchitektur wird oft nach Quadratmetern bewertet, nicht nach mentaler Last. Dabei ist genau diese Last im Alltag entscheidend. Wer ständig umräumen, ausweichen und improvisieren muss, zahlt mit Aufmerksamkeit und Energie. Das kennt man aus der Arbeitspsychologie gut: Schlechte Prozesse machen Menschen nicht nur langsamer, sondern erschöpfter. Wohnungen funktionieren ähnlich. Ein enger Vorraum oder ein unbrauchbar platzierter Abstellraum sind keine Kleinigkeit, sondern tägliche Reibung. Und Reibung kostet Kraft, jeden Tag ein bisschen.

Darum geht es am Ende nicht um eine Quote für Küchenformen. Es geht um Macht im Kleinen: Wer durfte den Alltag als Maßstab setzen? Und wer musste sich danach richten? Wenn Grundrisse Gleichstellung bremsen, dann nicht spektakulär, sondern leise. Genau das macht sie so wirksam. Eine Wohnung kann nett aussehen und trotzdem gegen das Leben ihrer Bewohner arbeiten. Manchmal ist der modernste Grundriss einfach der, der anerkennt: Care-Arbeit braucht Raum. Alles andere ist hübsch, aber unpraktisch.

Und vielleicht ist das die unbequeme Wahrheit: Solange Wohnungen eher auf Besuch als auf Belastung gebaut werden, bleibt Gleichstellung zu Hause ein Möbelstück ohne Platz im Grundriss.

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