Georg Baselitz ist tot – und mit ihm eine bequeme Kunst-Mythologie | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Georg Baselitz ist tot – und mit ihm eine bequeme Kunst-Mythologie

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Ein auf den Kopf gestelltes Bild war nie nur ein Gag. Bei Georg Baselitz war es auch eine Zumutung an das Publikum: Schaut nicht so schnell, ordnet nicht sofort ein, nennt Verwirrung nicht gleich Tiefe. Der deutsche Maler ist mit 88 Jahren gestorben. Damit endet nicht nur ein großes Künstlerleben, sondern auch ein Kapitel jener Nachkriegskunst, die sich gern als radikale Befreiung inszenierte und zugleich längst zum Kulturgut geworden war.

Baselitz gehörte zu den wichtigsten deutschen Künstlern nach 1945. Er wurde 1938 als Hans-Georg Kern in Sachsen geboren, studierte in Ost-Berlin und ging 1958 in den Westen. Seine umgedrehten Figuren und Landschaften machten ihn berühmt; seit 1969 setzte er das Kopfstehen als Markenzeichen konsequent ein. Das Werk war ein Einspruch gegen die Gewohnheit des Sehens, aber auch ein bemerkenswert kluger Trick: Wer ein Bild nicht sofort versteht, hält es oft für besonders bedeutsam. Kunstgeschichte ist bisweilen nur eine elegant verkleidete Form von Überforderung.

Genau hier liegt die erste Fehlannahme rund um Baselitz: Viele tun so, als sei seine Kunst vor allem wegen des Drehens wichtig. Das ist bequem, aber falsch. Das Kopfstehende ist nicht der Inhalt, sondern die Methode. Es verweigert die schnelle Lesbarkeit und zwingt den Blick auf Farbe, Komposition und Malweise. Die Umkehrung entzieht dem Motiv seine vertraute Hierarchie. Was oben und unten ist, verliert seine Selbstverständlichkeit. In einer Gesellschaft, die Bilder in Sekunden konsumiert, ist das nicht banal. Es ist fast schon eine kleine Sabotage am Raster des Sofortverstehens.

Die zweite Fehlannahme ist gesellschaftlicher Natur: Man verwechselt Provokation gern mit Relevanz. Baselitz hat diesen Mechanismus sehr gut verstanden. Seine Kunst war nie nur formal, sondern immer auch ein Kommentar auf deutsche Nachkriegsmoral, auf Schuldabwehr und auf das Bedürfnis, endlich wieder Größe zu sehen, ohne sich mit Geschichte zu viel zu belasten. Dass er 1963 mit Werken wie Die große Nacht im Eimer einen Skandal auslöste, war nicht bloß künstlerische Chuzpe. Es zeigte, wie nervös die Bundesrepublik auf Bilder reagierte, die sich nicht ordentlich einhegen ließen. Der Skandal war nicht der Fehler des Werks. Er war die Diagnose einer Gesellschaft, die mit Unruhe schlechter umgehen kann als mit Lärm.

Und doch wäre es zu einfach, Baselitz nur als Störenfried zu feiern. Seine spätere Rolle im Kunstbetrieb zeigt auch den Widerspruch, an dem viele große Avantgardisten scheitern: Aus dem Angriff wird Marke. Aus dem Bruch wird Stil. Aus dem Nein wird ein wiedererkennbares Ja mit Marktwert. Dass Baselitz zu den teuer gehandelten deutschen Nachkriegskünstlern gehörte, ist kein Nebenaspekt, sondern Teil der Geschichte. Der Kunstmarkt liebt radikale Gesten besonders dann, wenn sie sich sauber signieren lassen. Bei Baselitz war die Signatur eben nicht nur der Name, sondern auch das Umdrehen. Ein genial einfacher Wiedererkennungseffekt; der Traum jedes Marktes, der sich gern als Ort des Wagemuts ausgibt.

Spannend ist dabei ein blinder Fleck, über den selten gesprochen wird: Umgedrehte Bilder können demokratischer sein, als sie wirken. Sie nehmen dem Motiv seinen klassischen Rang und stellen das Sehen selbst in den Mittelpunkt. Damit unterläuft Baselitz auch die bürgerliche Gewohnheit, Kunst nach Motiven zu bewerten statt nach Wahrnehmung. Das ist eine echte Verschiebung. Zugleich bleibt aber eine Ironie bestehen: Gerade weil diese Verschiebung so gut funktioniert, landet sie am Ende doch wieder im Kanon, im Museum, im Auktionssaal. Das rebellische Bild wird institutionell brav. Der Westen hat bekanntlich ein Talent dafür, Störungen zu rahmen und aufzuhängen.

Fair muss man auch die Gegenposition sehen. Wer Baselitz vorwirft, seine Gesten seien irgendwann vor allem selbstzitierend gewesen, trifft einen wahren Punkt. Viele späte Werke wirken eher wie Variationen einer längst gewonnenen Schlacht. Das ist nicht automatisch ein Makel; Künstler dürfen beharrlich sein. Aber es zeigt, wie dünn die Linie zwischen Erkenntnis und Wiederholung werden kann. Ein Markenzeichen schützt vor Beliebigkeit, aber es schützt auch vor Überraschung. Und Überraschung ist in der Kunst eben kein Luxus, sondern oft die halbe Begründung.

Die gesellschaftliche Pointe liegt deshalb nicht darin, Baselitz zu heiligen oder zu entzaubern. Sie liegt darin, dass wir an seinem Werk gut beobachten können, wie wir mit Kunst umgehen: Wir lieben das Schwierige, solange es am Ende doch in eine klare Erzählung passt. Wir feiern den Radikalen, wenn er schon tot ist oder wenigstens gerahmt. Und wir verwechseln gern das Störende mit dem Bedeutenden, weil beides im Feuilleton ähnlich gut klingt. Baselitz hat diese Schwäche nicht erfunden. Er hat sie nur mit genügender Härte ausgestellt.

Wer ihn jetzt auf das kopfstehende Bild reduziert, macht es sich zu leicht. Wer ihn nur als großen Provokateur feiert, ebenso. Sein Werk erinnert daran, dass Kunst nicht dann stark ist, wenn sie sofort verstanden wird, sondern wenn sie die Gewissheiten des Sehens beschädigt. Vielleicht ist das die unangenehmste Konsequenz: Nicht Baselitz war vor allem provokant, sondern wir waren lange erstaunlich empfänglich für das, was uns kunstvoll aus dem Tritt bringt. Und genau deshalb passt sein Tod in eine Zeit, in der viele lieber schnelle Bilder als schwierige Wahrheiten mögen.

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