2,4 Prozent am Flughafen, 3 Prozent bei der Post: Kluge Abschlüsse – oder nur Inflationsverwaltung? | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

2,4 Prozent am Flughafen, 3 Prozent bei der Post: Kluge Abschlüsse – oder nur Inflationsverwaltung?

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Am Flughafen wirkt eine Gehaltserhöhung von 2,4 Prozent zuerst ordentlich, in der Post sind 3 Prozent nicht gerade klein. Und doch ist der erste Eindruck trügerisch: Wer die Zahlen neben die jüngsten Preissteigerungen legt, merkt schnell, wie schmal die Luft für viele Beschäftigte bleibt. Die Statistik Austria wies für 2024 eine durchschnittliche Inflation von 2,9 Prozent aus; 2023 lag sie sogar bei 7,8 Prozent. Das heißt: Ein Abschluss kann sich auf dem Papier nach Bewegung anhören und in der Geldbörse trotzdem vor allem eines sein – Schadensbegrenzung.

Gerade in Branchen wie Flughafen und Post ist das gesellschaftlich brisanter, als es klingt. Dort arbeiten Menschen, ohne die der Alltag nicht läuft: Gepäck, Sicherheitsabläufe, Sortierung, Zustellung, Schichtbetrieb. Es sind Jobs mit viel Taktung, wenig Glamour und oft hoher Belastung. Wer diese Arbeit knapp über der Teuerung abgeltet, hält den Betrieb am Laufen, aber er löst kein einziges strukturelles Problem. Die Wohnung wird dadurch nicht günstiger, die Nachtschicht nicht leichter und der Personalmangel nicht automatisch kleiner. Ein Prozentpunkt ist eben kein Gefühl, sagt der Kontoauszug trocken zurück.

Ein blinder Fleck in der öffentlichen Debatte ist dabei die Gewohnheit, Lohnabschlüsse nur als Kostenfrage für Unternehmen zu lesen. Das greift zu kurz. Natürlich müssen Betriebe kalkulieren. Aber in Sektoren mit Systemrelevanz hat Lohnpolitik auch eine soziale Funktion: Sie entscheidet mit, ob Berufe unterer und mittlerer Einkommensgruppen attraktiv bleiben oder langsam ausbluten. Die Post kennt dieses Problem aus dem Alltag: Wenn Zustellerinnen und Zusteller fehlen, merken es nicht die Tabellen, sondern die Kunden mit verspäteten oder gebündelten Zustellungen. Und an Flughäfen ist der Engpass noch heikler, weil Unterbesetzung sofort operative Folgen hat. Die Rechnung kommt dann nicht im Büro, sondern am Gate.

Die Gegenposition ist dennoch ernst zu nehmen. Wer sagt, moderate Abschlüsse seien vernünftig, weil sie Arbeitsplätze sichern und Inflationsdynamik nicht weiter anheizen, liegt nicht völlig falsch. In einer Zeit schwächerer Konjunktur kann ein harter Ausgleich mehr schaden als nützen. Gerade Praktiker wissen: Ein Vertrag ist erst gut, wenn er auch morgen noch tragbar ist. Nur wird aus dieser Vorsicht manchmal eine bequemere Formel als nötig. Denn wenn Reallöhne jahrelang nur mit der Preisentwicklung mitlaufen, dann nennt man das Stabilität – aber eben auch Stillstand.

Ein überraschender Punkt kommt aus der Praxis der Beschäftigung selbst: Für viele Arbeitnehmer zählt nicht nur das Prozentzeichen, sondern die Verlässlichkeit des Einkommens. Eine moderate Erhöhung kann dann wertvoller sein als ein großer Einmalbonus, wenn sie dauerhaft wirkt, kollektiv abgesichert ist und nicht an willkürliche Bedingungen gebunden bleibt. Das ist wenig spektakulär, aber gesellschaftlich wichtig. Denn gute Lohnabschlüsse sind nicht nur Preisetiketten im Tarifregister; sie sind ein Signal, ob ein Land die Leute fair bezahlt, die seine Infrastruktur tagtäglich am Laufen halten.

Mein Urteil ist daher klar: 2,4 Prozent und 3 Prozent sind keine Großtat, aber sie sind auch nicht bloß Kleingeld. Sie zeigen vor allem, wie tief sich Österreich an die Idee gewöhnt hat, dass Beschäftigte ihre Kaufkraft gefälligst in kleinen Portionen zurückbekommen sollen. Wer systemrelevante Arbeit braucht, aber nur systemverträgliche Löhne zahlt, sollte sich über Fachkräftemangel und Frust nicht wundern.

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