In den letzten Jahren ist das Privatvermögen in Europa stetig gewachsen. Doch paradoxerweise stagnieren oder sinken die Steuererträge der EU-Staaten, die auf Kapital und Besitz erhoben werden. Wesentlicher Grund: hohe Freibeträge und zahlreiche steuerliche Begünstigungen, die vor allem einkommensstarke Bürger begünstigen.
Die Debatte um Erbschaftssteuer versus Vermögenssteuer ist brandaktuell. Beide Steuerformen haben das Potenzial, zur Umverteilung von Wohlstand beizutragen, doch unterscheiden sie sich grundlegend in ihrer Funktionsweise und Effektivität.
Erbschaftssteuer: Traditionsreiche Umverteilung mit Lücken
Die Erbschaftssteuer wird auf das Vermögen erhoben, das von einer Person auf eine andere im Todesfall übergeht. Theoretisch ein effizientes Instrument zur Verhinderung von Vermögenskonzentration über Generationen hinweg. Allerdings sind viele EU-Länder mit großzügigen Freibeträgen ausgestattet, die kleine und mittlere Vermögen teilweise ganz von der Steuer befreien. Zudem existieren zahlreiche Ausnahmen und Bewertungsschwierigkeiten, die die Steuerlast verringern. Studien zeigen, dass nur rund 5-10 % der Vermögen tatsächlich effektiv besteuert werden.
Vermögenssteuer: Direkter Eingriff, aber umstrittene Umsetzung
Die Vermögenssteuer gilt als direkter und kontinuierlicher Eingriff in die finanzielle Substanz von Wohlhabenden, da sie periodisch auf den Gesamtwert des Vermögens erhoben wird. Länder wie Frankreich oder Norwegen praktizieren dieses Modell mit unterschiedlichem Erfolg. Kritiker sprechen von erheblicher Bürokratie, möglichen Kapitalfluchten und schwierig zu bewertenden Vermögenswerten. Dennoch könnte sie bei niedrigen Freibeträgen und klaren Bewertungsgrundlagen eine nachhaltigere Einnahmequelle für den Staat darstellen als die Erbschaftssteuer.
Warum die Steuererträge trotz wachsender Vermögen sinken
Ein zentrales Problem ist die Steuerstruktur selbst: Hohe Freibeträge – oft im Millionenbereich – und Sonderregelungen für Immobilien, Unternehmensanteile oder Familienbetriebe vermindern das zu versteuernde Volumen drastisch. Zudem verhindern legale Steuervermeidungstaktiken und Schlupflöcher eine angemessene Besteuerung großer Vermögen. Das führt dazu, dass trotz des Vermögenszuwachses die Steuereinnahmen nicht proportional steigen.
Fazit: Erbschafts- und Vermögenssteuer müssen reformiert werden
Während die Erbschaftssteuer als generationsübergreifendes Element der Vermögensumverteilung besteht, entzieht sie sich durch Freibeträge oft ihrer Wirkung. Die Vermögenssteuer hingegen bietet das Potenzial für eine kontinuierliche Umverteilung, steht aber vor praktischen Herausforderungen in der Umsetzung.
Eine Kombination aus gut durchdachten Freibeträgen, verschärfter Steuerkontrolle und Transparenz könnte ein notwendiger Schritt sein, um die steuerliche Belastung gerechter zu gestalten und langfristig die Staatsfinanzen zu stabilisieren. Die Diskussion um Steuergerechtigkeit bleibt also spannender denn je – und betrifft uns alle.
Weiterführende Links
- https://ec.europa.eu/taxation_customs/strategy/strategy-2020-2024_en
- https://www.oecd.org/tax/wealth/wealth-taxes-around-the-world.htm
- https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/economy/20210617STO07314/europe-must-reform-wealth-taxes-to-fund-economic-recovery
- https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/EN/Issues/Taxation/Inheritance_and_gift_tax/inheritance_and_gift_tax.html