Caritas: Systematische Fehleinschätzungen in der Pflege | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Caritas: Systematische Fehleinschätzungen in der Pflege

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Neue Untersuchungen der Arbeiterkammer Oberösterreich zeigen, dass es große Probleme bei der Pflegebegutachtung gibt. Für die Caritas Österreich sind diese Probleme nicht neu: Als eine der größten Organisationen in der Langzeitpflege kennt sie die Schwächen des Systems schon lange aus der Praxis. „Das aktuelle Begutachtungssystem wird den tatsächlichen Lebensrealitäten vieler Menschen nicht gerecht – und das ist kein neues Problem“, sagt Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler.

Im Jahr 2024 wurden über 235.000 Anträge auf Pflegegeld gestellt. Davon wurden etwa 75 % bewilligt. Die Verfahren dauern im Durchschnitt rund 60 Tage und sind für viele Menschen schwer zu verstehen. „Was wir jetzt schwarz auf weiß sehen, erleben unsere Mitarbeiter*innen seit Jahren: ein System, das für Betroffene schwer durchschaubar ist und zu oft an der Realität ihres Unterstützungsbedarfs vorbeigeht“, erklärt Tödtling-Musenbichler. Die AK-Studie und die Erfahrungen der Caritas zeigen, dass die Begutachtungen oft als belastend empfunden werden. Die Entscheidungen sind nicht immer transparent, besonders bei psychischen und neurologischen Erkrankungen wird der wirkliche Unterstützungsbedarf oft zu niedrig eingeschätzt.

Falsche Einschätzungen belasten Familien – Pflege wird privat geleistet

Wenn der Pflegebedarf nicht richtig erkannt wird, hat das direkte Folgen: Die Pflege wird oft in die Familie verlagert. Angehörige übernehmen dann die Pflege unter großem Druck, während gleichzeitig die Nachfrage nach mobiler Unterstützung steigt. „Wenn der Staat hier nicht treffsicher entscheidet, zahlen am Ende die Betroffenen und ihre Familien – mit Überlastung, Unsicherheit und oft auch finanziellen Einbußen“, warnt Tödtling-Musenbichler.

Das verschärft soziale Ungleichheiten und verschiebt die Verantwortung vom öffentlichen System auf einzelne Menschen. Pflege wird mehr zu einer Frage der individuellen Belastbarkeit anstatt einer sicheren öffentlichen Unterstützung. Positiv ist, dass seit Juli 2023 auch diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen Erstbegutachtungen machen dürfen. Dadurch soll die Qualität der Begutachtungen besser werden. „Das ist ein richtiger Schritt, aber er greift zu kurz, solange strukturelle Probleme nicht gelöst werden“, meint Tödtling-Musenbichler.

Jetzt Reform: Bessere Qualität, mehr Transparenz und echte Bedarfsgerechtigkeit

Aus den aktuellen Studien und praktischen Erfahrungen fordert Tödtling-Musenbichler klare politische Schritte: „Es reicht nicht, einzelne Stellschrauben zu drehen – wir brauchen eine grundlegende Verbesserung der Begutachtung, die den Menschen wirklich gerecht wird.“ Dazu gehört mehr Transparenz und bessere Nachvollziehbarkeit im Begutachtungsprozess, die enge Einbindung von pflegerischer und medizinischer Fachkompetenz sowie verpflichtende, qualitätsgesicherte Aus- und Weiterbildungen für Gutachter*innen. Wichtig ist auch, dass die Begutachtung sich an der tatsächlichen Lebenssituation und dem wirklichen Unterstützungsbedarf orientiert.

Die Caritas fordert die Bundesregierung auf, die Pflegebegutachtung schnell zu reformieren und die systematischen Mängel zu beheben. „Wir wissen seit Jahren, wo die Probleme liegen – jetzt braucht es den politischen Willen, sie auch zu lösen“, sagt Tödtling-Musenbichler. „Wir stehen bereit, unsere Erfahrung einzubringen – aber klar ist auch: Die Zeit der Analysen ist vorbei, jetzt braucht es Entscheidungen“, so die Präsidentin zum Schluss.

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