Hasskriminalität gegen Behinderte wird selten angezeigt
Hasskriminalität, oft auch Hate Crime genannt, nimmt leider weiter zu. Das zeigt eine neue Studie vom Institut für Höhere Studien (IHS). Besonders schlimm ist, dass viele Fälle gar nicht angezeigt werden. Behinderungen sind der zweithäufigste Grund für Benachteiligungen, Diskriminierungen und Beleidigungen. Dabei bleiben 79 % der Angriffe ohne Folgen: Laut Statistik des Innenministeriums gab es 2024 nur 125 gemeldete Übergriffe gegen Menschen mit Behinderungen. Experten vermuten aber, dass die tatsächliche Zahl viel höher liegt.
Für die Studie hat das IHS im Sommer 2024 Fragebögen an verschiedene Organisationen geschickt, unter anderem an den KOBV Österreich – Der Behindertenverband. Von über 2.000 Rückmeldungen konnten jedoch nur 868 ausgewertet werden. Deshalb sind die Ergebnisse nicht repräsentativ, geben aber dennoch wichtige Hinweise. Es zeigt sich, dass Menschen mit Behinderungen oft auch wegen ihres sozialen Status Opfer von Hasskriminalität werden. Die Angriffe sind meistens verbaler Art und enthalten oft soziale Abwertung, also Herabsetzung oder Ausgrenzung.
Hasskriminalität ist oft unsichtbar
Der KOBV Österreich sieht die Studie als ein Warnsignal. KOBV-Präsident Franz Groschan sagt: „Hasskriminalität gegen Menschen mit Behinderungen ist praktisch unsichtbar und wird kaum angezeigt.“ Er nennt viele Gründe dafür: Betroffene haben Angst, nicht ernst genommen zu werden, oder denken, dass eine Anzeige nichts bringt. Außerdem fürchten sie oft Vergeltung, besonders wenn der Täter aus dem eigenen Umfeld kommt oder wenn eine Abhängigkeit besteht – zum Beispiel von Familie, Betreuungspersonen oder Arbeitgebern.
Die Studie zeigt auch, dass fehlendes Selbstbewusstsein und wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit die Probleme verschärfen. Groschan betont: „Wenn fast 80 % der Täterinnen und Täter ungestraft davonkommen, dann müssen wir uns fragen, was wir tun können, um die zahlreichen Hürden aus dem Weg zu räumen, die einer Anzeige im Weg stehen.“ Einige dieser Hürden sind vergleichsweise einfach zu beseitigen, zum Beispiel bessere Zugänge zu Polizeistationen oder Informationen in leichter Sprache. „Eine Rampe für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer zu bauen, ist weit weniger Arbeit als Menschen zum Umdenken zu bewegen“, sagt Groschan und ergänzt: „Inklusion beginnt im Kopf.“
Um Vorurteile gegen Menschen mit Behinderungen abzubauen, braucht es passende Bedingungen. Groschan meint: „Wenn ich lese, dass Menschen mit Behinderungen auch wegen ihres sozialen Status Opfer von Hasskriminalität werden, dann heißt das für mich, dass Inklusion weder in den Köpfen noch in den Institutionen vollständig angekommen ist.“
Finanzielle Sparmaßnahmen verschärfen die Lage
Ein Blick auf die aktuelle Lage zeigt, dass sich die Situation vermutlich nicht schnell bessern wird. „Die Arbeitslosigkeit steigt bei Menschen mit Behinderungen dreimal schneller als bei Menschen ohne Behinderungen. Knapp ein Viertel ist armutsgefährdet“, erklärt Groschan. Durch Sparvorgaben bei Arbeitsmarktprojekten, Förderungen und Sozialbudgets wird die Lage für Betroffene noch schwieriger. Dadurch steigt langfristig die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Behinderungen weiter an.
Das bedeutet für viele, dass sie weniger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können und sich immer stärker isolieren oder abhängig werden. Die Angst vor Übergriffen, vor allem durch Menschen aus dem eigenen Umfeld, hält viele davon ab, solche Vorfälle zu melden, erklärt der KOBV-Präsident.
Ein selbstbestimmtes Leben schützt zwar nicht komplett vor Angriffen, gibt aber mehr Selbstvertrauen und Stärke. „Wer selbstbewusst ist und seine Rechte kennt, tut sich leichter damit, sich zu verteidigen und Übergriffe zu melden. Darum ist auch Bewusstseinsbildung so wichtig“, sagt Franz Groschan.
Prävention muss inklusiv und barrierefrei sein
Die Studie schlägt verschiedene Maßnahmen vor, um es Betroffenen leichter zu machen, Hasskriminalität zu melden. Dazu gehören anonyme und sichere Meldewege, standardisierte und barrierefreie Formulare sowie einfache Beratungsangebote. Auch Veranstaltungen, Workshops und Begegnungsräume, zum Beispiel in Wohnanlagen oder Wiener Grätzlzentren, sind gute Ideen.
Wichtig ist laut Groschan, dass alle Angebote barrierefrei sein müssen, damit auch Menschen mit Behinderungen daran teilnehmen können. Das gilt auch für Beratungseinrichtungen und Polizeistationen. „Gebärdensprache, einfache Sprache, taktile Leitsysteme – all das erleichtert Menschen mit Behinderungen den Zugang zu wichtigen Informationen rund um Hasskriminalität, sodass sie im Ernstfall wissen, an wen sie sich wenden können.“
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