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Psychische Sparmaßnahmen kosten Österreich teuer.

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Budgetkonsolidierung darf nicht in psychosoziale Versorgungskrise münden

Österreich hat gerade finanzielle Probleme und muss Geld sparen. Leider treffen die Sparmaßnahmen im Bereich der psychosozialen Versorgung besonders Menschen, die schon jetzt schwierige Lebenssituationen haben. Dazu gehören junge Leute in unsicherer Lage, arbeitslose Menschen mit psychischen Krankheiten und Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Diese Menschen haben oft mehrere Probleme gleichzeitig. Kürzungen beim Sozialministeriumservice (SMS), Einsparungen in der Arbeitsmarktpolitik sowie das Ausbleiben von Budgetanpassungen (sogenannte Nullvalorisierungen) gefährden wichtige Hilfsangebote und Strukturen in ganz Österreich.

„Wir sehen mit großer Sorge, dass kurzfristige Budgetmaßnahmen langfristig negative soziale und wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Günter Klug, Präsident von pro mente Austria. „Psychische Erkrankungen verschwinden nicht, wenn Budgets sinken. Sie werden verschleppt, chronifiziert oder tauchen später in anderen, deutlich teureren Systemen, wie dem Gesundheitssystem oder Pflegesystem, wieder auf. Abseits vom persönlichen Leid führt dies also nicht zu Einsparungen, sondern zu erheblich höheren Folgekosten.“

Sozialministeriumservice: Wenn Förderdeckel zur Existenzfrage werden

Der Sozialministeriumservice (SMS) unterstützt mit Fördergeldern zahlreiche Projekte, die Menschen mit psychischen Problemen helfen. Kürzungen in diesen Fördermitteln stellen die Trägerorganisationen vor große Herausforderungen. So wurde am 13. Mai 2025 im Ministerrat beschlossen, dass der Beitrag zum Ausgleichstaxfonds (ATF) von 65 Millionen Euro im Jahr 2026 schrittweise bis 2029 auf nur noch 15 Millionen Euro sinkt. Das bedeutet große Einschnitte für wichtige Integrationsprojekte.

„Wir stehen an einer kritischen Wegmarke“, sagt MMag. Gernot Koren, MAS, Vizepräsident von pro mente Austria. „Der ATF ist ein zentrales Instrument beruflicher Inklusion. Wenn Zuschüsse in dieser Dimension reduziert werden, sprechen wir nicht über Effizienzsteigerungen, sondern über existentielle strukturelle Einschnitte.“

In manchen Bundesländern sind für diese Projekte schon jetzt kaum noch Mittel vorhanden. Weiteres Sparen kann dazu führen, dass Einrichtungen schließen müssen, Projekte vorbei sind und qualifiziertes Fachpersonal das System verlässt. Das hat schwere Folgen für Menschen mit Behinderungen, die auf Unterstützung angewiesen sind.

„Wenn Förderpauschalen unter die realen Kostenstrukturen sinken, werden Einrichtungen existenziell gefährdet“, erklärt MMag.a Eva Blagusz, Vorstandsmitglied von pro mente Austria. „Das bedeutet weniger Betreuungsplätze, lange Wartelisten und geringere Perspektiven – etwa für junge Menschen, die damit ihrer Entwicklungschancen und positiven Zukunftsperspektiven beraubt werden.“

Arbeitsmarktpolitik unter Druck: AMS-Budget erneut drastisch gekürzt

Auch beim Arbeitsmarktservice (AMS) wurden die Budgets stark reduziert, teilweise um mehr als 10 %, ohne dass steigende Kosten berücksichtigt wurden. Besonders leiden darunter arbeitslose Menschen mit psychischen oder gesundheitlichen Einschränkungen, die intensive Unterstützung brauchen, um wieder Arbeit zu finden.

„Gerade diese Zielgruppen benötigen intensive, bedarfsorientierte Begleitung. Wird diese reduziert, verlängert sich die Dauer der Arbeitslosigkeit – mit erheblichen individuellen und volkswirtschaftlichen Folgen“, sagt Eva Blagusz. „Arbeitsmarktpolitik erfüllt auch eine gesellschaftlich stabilisierende Funktion. Und die Unterstützung für arbeitslose Menschen ist eine Versicherungsleistung und kein Almosen.“

Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen stieg im Januar 2026 um 13,9 %. Das ist fast viermal so viel wie im Durchschnitt aller Arbeitslosen. Insgesamt waren 17.130 Menschen mit Behinderungen arbeitslos, also über 2.000 mehr als im Vorjahr. Der ATF unterstützt derzeit österreichweit mehr als 210 Projekte des Netzwerks Berufliche Assistenz (NEBA). Rund 2.800 Fachkräfte begleiten jedes Jahr etwa 110.000 Menschen auf ihrem Weg in Ausbildung und Arbeit.

„Diese Zahlen zeigen klar: Der Bedarf steigt – während die finanziellen Mittel sinken“, so Gernot Koren. „Das ist ein Spannungsverhältnis, das es dringend aufzulösen gilt. Bisher wurde aktive Arbeitsmarktpolitik vollkommen anders verstanden.“

Nullvalorisierung: Die stille Form der Kürzung

Bei manchen Budgets wird das Geld für 2026 einfach auf dem Niveau von 2025 festgehalten, ohne Erhöhungen für steigende Kosten. Das bedeutet in Wirklichkeit eine Kürzung, weil Personal- und Betriebskosten zunehmen. Sozialunternehmen können so ihre Kosten nicht decken und müssen Angebote einschränken oder sogar ganz schließen. „Nullrunden sind de facto Kürzungen“, erklärt Gernot Koren. „Die Strukturen, die über Jahre aufgebaut wurden, verschwinden dadurch langsam. Studien aus dem Ausland zeigen, dass Einsparungen in der psychosozialen Versorgung später zu hohen Kosten führen, etwa durch mehr Invalidität oder frühere Pensionierungen.“

Was nun nicht gefährdet werden darf

Trotz der schwierigen Finanzlage gibt es wichtige Bereiche in der psychosozialen Versorgung, die erhalten bleiben müssen. Der Ausbau der klinisch-psychologischen Behandlung zum Beispiel hilft, Engpässe zu reduzieren und schnelle Hilfe zu bieten. Auch gute Arbeitsverträge, die kürzlich neu verhandelt wurden, sorgen für mehr Sicherheit für die Beschäftigten. Vor allem sind es die engagierten Mitarbeiter:innen in den Sozialunternehmen, die mit viel Einsatz täglich helfen und so wesentlich zum Funktionieren des Systems beitragen.

„Unsere Einrichtungen funktionieren, weil Menschen mit großer Fachlichkeit und hohem persönlichen Einsatz Verantwortung übernehmen“, betont Gernot Koren. „Diese tragenden Säulen dürfen durch strukturellen Rückbau nicht ins Wanken geraten. Gerade jetzt braucht es verlässliche Partnerschaften zwischen Bund, Ländern und Sozialorganisationen.“

Für die Mitglieder von pro mente Austria ist es wichtig, gute Arbeitsbedingungen anzubieten. „Wenn ständig davon gesprochen wird, dass in der psychosozialen Versorgung gespart wird, macht das die Branche für junge Menschen unattraktiv. Sie suchen sichere Jobs und gute Perspektiven. Dauerndes Sparen und Kürzen demotiviert sehr“, sagt Eva Blagusz.

Unsere Forderungen

pro mente Austria fordert, dass es keine weiteren Kürzungen in der psychosozialen Versorgung geben darf. Einsparungen und Nullrunden machen wichtige Hilfen kaputt. Österreich braucht einen bundesweiten Plan zur psychischen Gesundheit, der klare Ziele setzt, Zuständigkeiten regelt und dauerhaftes Geld sicherstellt. Psychische Gesundheit darf nicht nur punktuell oder kurzfristig behandelt werden. Es braucht eine langfristige Strategie von der Vorbeugung über die schnelle Hilfe bis zur Rehabilitation.

„Das ist keine Frage der absoluten Verfügbarkeit finanzieller Mittel, sondern eine Frage der Prioritätensetzung. In einem Bundesbudget werden Schwerpunkte gesetzt. Die psychosoziale Versorgung darf nicht am Ende dieser Gewichtung stehen, sondern muss als stabilisierender Faktor am Anfang mitgedacht werden“, sagt Günter Klug. „Wer hier Euros kürzt, kürzt immer am Menschen und verliert noch mehr Euros in Folge“.

Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, wie wichtig kluge Entscheidungen sind. In Island zum Beispiel hat eine kluge Suchtprävention langfristig positive Effekte. In Großbritannien und Deutschland sieht man dagegen, wie teuer es wird, wenn psychosoziale Hilfen abgebaut werden. „Miteinander für psychische Gesundheit steht für Zusammenhalt und gegenseitige Wertschätzung. Dieser Geist des Miteinanders sollte uns auch bei budgetären Entscheidungen leiten. Psychosoziale Versorgung ist kein Randthema, sondern Ausdruck gelebter Solidarität, und eine Kernaufgabe des Staates. Wenn wir als Gesellschaft zusammenstehen wollen, muss sich das auch in unseren Prioritäten widerspiegeln“, unterstreicht Günter Klug.

Mentale Gesundheit betrifft alle Menschen, egal wie alt sie sind oder wie viel sie verdienen. Psychische Krankheiten können jede:n treffen. Deshalb sind Investitionen in psychosoziale Versorgung eine Investition in die Zukunft und das Wohl der ganzen Gesellschaft.

pro mente Austria

pro mente Austria ist ein Dachverband mit 26 Mitgliedsorganisationen in ganz Österreich. Zusammen beschäftigen sie 5.500 Mitarbeiter:innen und betreuen Menschen mit psychischen oder psychosozialen Problemen. Die Mitglieder bieten vielfältige Leistungen an: psychosoziale Versorgung, sozialpsychiatrische Hilfe, Wohn- und Betreuungsangebote, Arbeitsprojekte, Prävention, Rehabilitation sowie Aus- und Fortbildung. pro mente Austria vertritt die Interessen seiner Mitglieder in Österreich und international und ist eine wichtige Anlaufstelle für Fragen rund um psychische Gesundheit.

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