Schockierende Wahrheit: Funktioniert Demokratie wirklich ohne Frauen? | brandaktuell

Schockierende Wahrheit: Funktioniert Demokratie wirklich ohne Frauen?

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„Kürzungen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik sind Einsparungen in der Demokratie.“

Sabine Rehbichler von arbeit plus – Soziale Unternehmen Österreich und weiteren Organisationen warnt davor, dass Kürzungen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik nicht nur finanzielle Einsparungen sind, sondern auch ein Verlust für unsere Gesellschaft und Demokratie. „Kürzungen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik sind direkte bis indirekte Einsparungen in der Demokratie. Das können wir uns nicht leisten. Nicht aus sozialer und wirtschaftlicher Perspektive, und nicht als demokratische Gesellschaft“, betont sie. Der Verband arbeitet täglich mit Menschen, die von diesen Veränderungen betroffen sind.

„Seit 2018 ist das Vertrauen von Frauen in das politische System massiv gesunken.“

Martina Zandonella von FORESIGHT Research fasst zusammen: Frauen vertrauen dem politischen System weniger als Männer – und ihr Vertrauen nimmt seit 2018 stetig ab. Nur 32 % der Frauen glauben, dass das politische System gut funktioniert. Besonders niedrig ist das Vertrauen bei Frauen mit niedrigem Einkommen (19 %) und bei Arbeitslosen (21 %).

Das liegt unter anderem daran, dass Frauen in wichtigen Berufen und mit geringem Einkommen oft das Gefühl haben, ihre Arbeit werde nicht geschätzt. Junge Frauen sagen außerdem, dass sie in der Politik nicht gut vertreten werden. Zwei wichtige Grundsätze der Demokratie – gleiche Wertschätzung und Mitbestimmung – sind für sie oft nicht erfüllt. „Die Folge: Viele von ihnen ziehen sich aus der demokratischen Beteiligung zurück. Nur noch jede vierte Frau (26 %) im unteren Einkommensdrittel ist davon überzeugt, mit politischer Beteiligung auch etwas bewirken zu können.“

„Es ist wie ein Teufelskreis.“

Sophie Hansal vom Dachverband Frauen- und Mädchenberatung erklärt das Problem so: „Es ist wie ein Teufelskreis. Alltagsbarrieren im Beruf, ungleiche Verteilung der Fürsorgearbeit und fehlende Netzwerke verstärken sich gegenseitig: Wer nicht gesehen wird, zieht sich zurück. Weniger Repräsentation führt zu weniger Teilhabe, und das bedeutet wiederum weniger Einfluss.“

Aktuelle Zahlen zeigen: Rund 61 % der systemrelevanten Berufe werden von Frauen ausgeübt, doch nur 42 % fühlen sich dafür gesellschaftlich anerkannt. Außerdem leisten Frauen im Durchschnitt täglich 4,3 Stunden unbezahlte Care-Arbeit, Männer nur 2,5 Stunden.

Hansal sieht jedoch auch Wege aus diesem Kreislauf: „Wir müssen Strukturen stärken, die Mädchen und Frauen mehr Handlungsspielraum geben und ihre Teilhabe fördern. Beratungsstellen spielen dabei eine wichtige Rolle, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.“ Gerade jetzt, wo Demokratie weltweit in Gefahr ist, sei das eine gemeinsame Verantwortung.

„Arbeitslosigkeit hat zunehmend ein weibliches Gesicht.“

Sabine Rehbichler berichtet, dass die Arbeitslosigkeit von Frauen seit Oktober 2024 stärker gestiegen ist als die der Männer. Aktuell sind 144.775 Frauen arbeitslos, besonders betroffen sind Frauen ab 50, deren Arbeitslosigkeit um 9,2 % zugenommen hat. Insgesamt sind 101.976 Menschen in Österreich langzeitarbeitslos, ein Anstieg von 13,9 % im Vergleich zum Vorjahr. Fast ein Drittel der langzeitarbeitslosen Menschen sind Frauen. Viele Frauen tauchen in der Statistik nicht auf, weil die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie oft nicht möglich ist.

Die Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit sind schwerwiegend: geringere Chancen auf Vermittlung, gesundheitliche Probleme, soziale Isolation und steigendes Armutsrisiko. Rehbichler warnt: „Wir stehen vor der realen Gefahr einer Verfestigung der Sockelarbeitslosigkeit auf hohem Niveau.“ Wie der Demokratiemonitor zeigt, verlieren Frauen in dieser Situation oft das Vertrauen in die Politik und beteiligen sich weniger an demokratischen Prozessen.

„Politische Teilhabe hat mit Ressourcen zu tun.“

Besonders junge Frauen ziehen sich vom politischen Geschehen zurück. 72 % der jungen Frauen in Österreich fühlen sich vom Parlament kaum oder gar nicht vertreten. Martina Fürpass von sprungbrett erklärt: „Politische Teilhabe hat mit Ressourcen zu tun.“ Viele dieser jungen Frauen kommen aus sozial schwächeren Familien, oft mit Migrationshintergrund, leiden unter Armut oder Wohnungslosigkeit, übernehmen früh Care-Arbeit und haben häufig mit psychischen Belastungen oder Gewalt zu kämpfen.

Die Kürzungen bei sozialen Angeboten verschlechtern ihre Situation weiter, weil ihnen kaum Zeit für politisches Engagement bleibt. Springbrett unterstützt diese jungen Frauen, ihre Stimme zu finden und mutig zu sein. „In Workshops lernen sie, was Zusammenhalt bedeutet und dass Veränderung gemeinsam möglich ist.“

„Digitalisierung ist eine Frage der Chancengerechtigkeit und der Demokratie.“

Manuela Vollmann von ABZ*AUSTRIA weist darauf hin, dass gesellschaftliche und politische Teilhabe heute immer stärker digital stattfindet. Wer keinen sicheren Zugang zu digitaler Technik und Wissen hat, ist benachteiligt – nicht nur im Beruf, sondern auch bei der politischen Mitgestaltung. „Digitalisierung ist längst kein reines Technologiethema mehr. Sie ist eine Frage der Chancengerechtigkeit und der Demokratie.“

Mit den Projekten „Digital Überall“ und „Digital Überall Plus“ bietet ABZ*AUSTRIA niedrigschwellige Angebote in Städten und ländlichen Regionen an. Frauen lernen dort zum Beispiel, wie sie Wahlkarten online beantragen, an Volksbegehren teilnehmen oder Dokumente digital unterschreiben. Vollmann betont: „Je sicherer Frauen digitale Möglichkeiten nutzen können, desto selbstbewusster beteiligen sie sich in Beruf, Gesellschaft und Politik.“

„Das können wir uns nicht leisten. Nicht als demokratische Gesellschaft.“

Soziale Unternehmen und Frauenberatungsstellen schaffen wichtige Räume, die Frauen helfen, wirtschaftlich unabhängig zu werden und gesellschaftlich teilzuhaben. Sie unterstützen Frauen beim Berufs(einstieg), bieten Qualifizierungsprogramme an und stärken ihr Selbstbewusstsein, ihre Stimme zu erheben. In den kommenden Budgetverhandlungen wird entschieden, ob diese wichtige Unterstützung weiter bestehen bleibt.

Der Demokratiemonitor zeigt: Wenn eine Demokratie bei Programmen spart, die Frauen wirtschaftliche und politische Teilhabe ermöglichen, gefährdet sie ihre eigene Zukunft. „Eine Demokratie ohne Frauen ist keine Demokratie. Das können wir uns nicht leisten. Nicht als demokratische Gesellschaft“, sind sich arbeit plus, Dachverband Frauen- und Mädchenberatung, ABZ*AUSTRIA und sprungbrett einig.

Weitere Informationen aus dem Demokratiemonitor 2025 gibt es hier zum Download: https://arbeitplus.at/pressekonferenz-geht-demokratie-ohne-frauen/

Kontakt für Rückfragen:

Dachverband Frauen- und Mädchenberatung (ehemals Netzwerk FMBS)
Sophie Hansal, MA MA (sie/ihr)
Geschäftsleitung
Mobil: +43 677 648 942 86
hansal@dfmb.at

sprungbrett
Anja Gurtner (sie/ihr)
Leitung Öffentlichkeitsarbeit
Mobil: +43 677 64 32 98 55
anja.gurtner@sprungbrett.or.at

ABZ*AUSTRIA
Manuela Vollmann
Geschäftsführung
Mobil: +43 699 1 66 70 310
manuela.vollmann@abz-austria.at

FORESIGHT Research Hofinger GmbH
Martina Zandonella
Senior Researcher
Telefon: +43-1-585 33 44 – 44
mz@foresight.at

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