BMK-Zahlen zu Lebensmittelweitergabe: Die Tafel Österreich warnt vor voreiligen Schlüssen
Die jüngst vom Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK) veröffentlichten Zahlen zu Lebensmittelabfällen und -spenden haben für Aufsehen gesorgt. Demnach wirft der Handel dreimal mehr Lebensmittel weg als er spendet. Die Tafel Österreich warnt vor falschen Botschaften und setzt auf Kollaboration statt Konfrontation. Denn viele Fragen (z. B. zur Warenqualität) bleiben offen, viele der nun publizierten Daten können ohne Wissen und Erfahrungen aus der Praxis der Weitergabe leicht falsch interpretiert werden.
Knapp 4.900 Tonnen Lebensmittel wurden vom Handel im vierten Quartal 2023 an Tafeln und Sozialmärkte zum menschlichen Verzehr gespendet. Rund 16.200 Tonnen Lebensmittel wurden im selben Zeitraum als Abfall entsorgt. Diese Zahlen hat das BMK am 1. März 2024, basierend auf den Meldungen von 250 Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels (mit 4.000 Verkaufsstellen), veröffentlicht.
Die Tafel Österreich, die seit 25 Jahren genusstaugliche Lebensmittel vor der Entsorgung rettet und damit kostenfrei mittlerweile mehr als 35.000 armutsbetroffene Menschen in sozialen Einrichtungen versorgt, nimmt zu diesen Zahlen, die voreilige Schlüsse zulassen – und auch falsche Signale vermitteln könnten – Stellung.
Alexandra Gruber, Geschäftsführerin Die Tafel Österreich: „Es ist wahr: wir bekommen immer weniger Warenspenden aus dem Handel. Doch wir setzen auf Kollaboration statt Konfrontation und bemühen uns seit 25 Jahren um gemeinsame Lösungen. Zahlen wie diese üben Druck aus und könnten den Handel dazu „ermutigen“, die Quote durch Weitergabe von Müll zu verbessern. Womit niemandem geholfen wäre – denn soziale Organisationen wie wir sind keine Abfallentsorger.“
Bewusstsein schaffen statt Äpfel mit Birnen vergleichen
Die Tafel Österreich begrüßt prinzipiell mehr Transparenz und ein intensiviertes Datenmonitoring entlang der Wertschöpfungskette. Die aktuelle Erhebung lässt jedoch zu viele Fragen offen bzw. wichtige Aspekte außer Acht. Dazu zählen etwa:
- Über die letzten 10 Jahre hat sich die Menge an weitergegebenen Lebensmitteln aus dem Handel verdreifacht, auch der Abfallanteil wurde stark reduziert (vgl. ECR-Studie 2014).
- Der internationale Vergleich (z. B. Frankreich, Tschechien) zeigt: Eine Verpflichtung des Handels zur Lebensmittelweitergabe an soziale Einrichtungen erhöht zwar die absolute Menge – führt aber zugleich dazu, dass der Müllanteil innerhalb der „Spenden“ massiv steigt.
- Die Zahlen des BMK zeigen große Unterschiede beim Verhältnis von gespendeter zu weggeworfener Ware zwischen einzelnen Händlern, die aus der Praxis nicht erklärbar sind. Hier stellt sich die Frage der Vergleichbarkeit bzw. Qualität der Daten.
- Gründe für den Warenspendenrückgang aus dem Handel sind u. a. vermehrter Eigen-Abverkauf und optimierter Einkauf bzw. KI-gesteuerte Warensysteme. Das führt dazu, dass die Untergrenze an Spenden teils bei 5 kg pro Tag liegt – Kleinstmengen, deren Abholung mit dem Auto für viele karitative Vereine auch ökologisch betrachtet wenig Sinn macht und die die vielen Menschen, die auf Lebensmittelspenden angewiesen sind, nicht satt machen. Denn insgesamt sind mittlerweile mehr als 1,5 Millionen Menschen in Österreich armutsgefährdet.
„Schon jetzt können wir nur einen Teil der Warenspenden weitergeben, da in der Gesamtmenge auch oft nicht mehr genusstaugliche Anteile enthalten sind. Berichtspflicht und erhobener Zeigefinger verbessern die Qualität der Spenden bestimmt nicht. Wünschenswert wären – wie Beispiele aus anderen europäischen Ländern zeigen – kollektive Ansätze wie in Italien mit dem ,Gadda Law‘, steuerliche Anreize für Warenspender und eine Auflösung von Graubereichen, mehr Transparenz auch auf der Empfänger:innenseite sowie eine stärkere Digitalisierung in allen Bereichen“, so Gruber.
Die ausführliche Stellungnahme finden Sie hier.
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