TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 9. Oktober 2023 von Christian Jentsch "Wenn jede Hoffnung auf Frieden stirbt" | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ vom 9. Oktober 2023 von Christian Jentsch „Wenn jede Hoffnung auf Frieden stirbt“

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Die Hamas setzt mit ihrem Überraschungsangriff auf Israel auf die totale Eskalation. Die Hoffnung auf Frieden im Nahost-Konflikt scheint begraben. Doch ewiger Krieg kann nicht die Lösung sein.

Es sind verstörende Bilder, die uns aus dem Süden Israels erreichen. Kämpfer der im Gazastreifen herrschenden radikal­islamischen Hamas überquerten Samstagvormittag die als unüberwindbar geltenden Grenzbarrieren zu Israel, drangen in israelische Dörfer und Kibbuze ein, töteten Hunderte Israelis und verschleppten Dutzende als Geiseln in den Gazastreifen. Gleichzeitig wurden Tausende Raketen auf Israel abgefeuert. Israels im Nahen Osten als unbesiegbar geltende Armee und Israels Geheimdienste wurden überrascht. 50 Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg wiederholt sich ein nationales Trauma. Israel ist noch in Schockstarre. Doch eines klar: Israel wird sich mit allen Mitteln verteidigen, der Gegenschlag Israels wird massiv sein, es wird nicht bei nur bei Luftschlägen auf Einrichtungen der als Terrororganisation eingestuften Hamas bleiben. Panzerkolonnen rollen bereits auf den Gazastreifen zu, eine Bodenoffensive könnte bevorstehen. Eine umfassende Eskalation als zynisches Ziel der Hamas hätte wohl Tausend­e Tote zur Folge. Hunderte Israelis mussten bereits sterben. Im Gegenzug wird auch die Zivilbevölkerung im Gazastreifen – über zwei Millionen Palästinenser leben im verarmten Küstenstreifen – einen hohen Preis bezahlen. 
Der Angriff der Hamas erfolgte vor dem Hintergrund einer sich anbahnenden Neuordnung des Nahen Ostens. Ein bahnbrechendes, von den USA vermitteltes Abkommen zwischen Israel und Saudi-Arabien soll kurz vor dem Abschluss stehen. Darin würde Saudi-Arabien als Hüter der heiligsten islamischen Stätten Israel anerkennen und im Gegenzug umfangreiche Sicherheitsgarantien seitens der USA bekommen. Doch auch wenn die Interessen der Palästinenser für die Herrscher der arabischen Länder längst in den Hintergrund gerückt sind, gilt das nicht für die breite arabische Öffentlichkeit. Eine Aussöhnung zwischen der arabischen Welt und Israel wird also nicht ohne Zugeständnisse an die Palästinenser möglich sein. Doch diese Jahrhundert-Chance wird von vielen sabotiert. So versucht das Regime in Teheran zusammen mit seinen Verbündeten wie der Hisbollah im Libanon diese neue Entwicklungen nach Kräften zu hintertreiben.
Von einer Friedensvereinbarung mit den Palästinensern im Westjordanland will auch die rechtsnationale israelische Regierung nichts wissen. Das vor 30 Jahren geschlossene Friedensabkommen von Oslo, das Ziel einer Zweistaatenlösung, wurde zu Grabe getragen. Die tagtägliche Gewalt wurde zur traurigen Routine. Nun scheint es in der von der Hamas neu in Gang gesetzten Spirale der Gewalt überhaupt keinen Platz mehr für Frieden zu geben. Doch ohne Hoffnung auf Frieden droht der ganze Nahe Osten auf lange, lange Zeit in Hoffnungslosigkeit zu versinken.            

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