Leitartikel "Bildungspolitischer Rückwärtssalto" vom 24. November 2021 von Mario Zenhäusern | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Leitartikel „Bildungspolitischer Rückwärtssalto“ vom 24. November 2021 von Mario Zenhäusern

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Innsbruck (OTS) – Distance Learning ab dem zweiten Corona-Infektionsfall pro Klasse: Die schwammige Verordnung, mit der das Offenhalten der Schulen reglementiert werden sollte, wurde von der Wirklichkeit ad absurdum geführt.

Von Mario Zenhäusern
Am vergangenen Freitag verkündeten Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) und Gesundheits­minister Wolfgang Mückstein (Grüne), assistiert von den Landeshauptleuten Günther Platter (ÖVP) und Michael Ludwig (SPÖ), die Einigung auf einen dreiwöchigen generellen Lockdown und die Einführung der allgemeinen Impfpflicht ab Februar 2022. Die Schulen, hieß es damals, blieben geöffnet. Der Präsenzunterricht sei ihm sehr wichtig, sagte Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), schränkte aber gleichzeitig ein, dass Kinder auch zu Hause bleiben können, sofern sie dort betreut werden.
Was nach einem typisch österreichischen Kompromiss zwischen Offenhalten mit Präsenzunterricht und Zusperren mit Distance Learning klang, war in Wahrheit lediglich das Herumdrücken um eine klare Entscheidung – und ist seit gestern ohnedies Schnee von gestern. Ab sofort werden die Schulklassen nämlich ab dem zweiten Corona-Infektionsfall für mindestens fünf Tage nach Hause geschickt. Angesichts der epidemiologischen Lage und der gerade unter ungeimpften Kindern beziehungsweise Minderjährigen rasant steigenden Zahl an Neuinfektionen dürfte damit der Anteil der Klassen, die ins Distance Learning wechseln müssen, sprunghaft ansteigen.
Offen halten, zusperren – es gibt stichhaltige Argumente für beide Strategien. Auf der einen Seite ist es die berechtigte Sorge um die Ausbildung der Kinder, um ihre psychische, psychosoziale und physische Gesundheit, auf der anderen die Angst vor einer weiteren ungezügelten Ausbreitung des Virus. Die Regierung hatte versucht, sich mit einer mehr als schwammigen Lösung durchzuschwindeln. Beleg dafür ist der Erlass, mit dem das Offenhalten der Schulen reglementiert werden sollte. Was den Ländern noch am vergangenen Freitag übermittelt wurde, liest sich wie eine freundliche Erinnerung mit vielen Kann-Bestimmungen. Wer aber nichts ultimativ verordnet, sondern lediglich freundlich empfiehlt, der darf sich nicht wundern, wenn er dann von der Wirklichkeit eingeholt und zu einem Rückwärtssalto gezwungen wird.
Was bleibt, ist – und das leider nicht zum ersten Mal im Laufe dieser nunmehr 20 Monate andauernden Pandemie – der Eindruck einer Regierung, die keinen Plan zu haben scheint, die nur reagiert statt zu agieren. Heranwachsende aller Altersstufen haben nicht nur ein Recht auf Bildung, sie benötigen dafür auch klare und vor allem praktikabl­e Vorgaben. Letzteres ist die Bundesregierung bisher in weiten Teilen schuldig geblieben.

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