Marie Rötzer zeigt: Führung heißt heute Abgrenzung, nicht Familiengefühl

Marie Rötzer sagt sinngemäß, sie wolle sich gar nicht erst rechtfertigen. Das klingt hart, ist aber im Kulturbetrieb fast schon eine Wohltat. Denn dort wird Führung noch immer gern als Mischung aus Gesinnung, Nähe und familiärer Wärme verkauft. Genau diese Erzählung ist bequem. Und sie ist oft der Anfang von schlechten Grenzen.

Die neue Direktorin des Theaters in der Josefstadt setzt mit ihrer Haltung einen Gegenakzent: Nicht jeder gute Arbeitsplatz ist eine Familie, und nicht jede starke Institution lebt von emotionaler Verschmelzung. Der Satz, das Theater sei ihre Familie, gilt für Rötzer eben nicht. Das ist mehr als eine persönliche Note. Es ist eine Absage an ein altes Machtmodell, in dem Loyalität gern mit Harmonie verwechselt wird.

Gerade im Theater ist das relevant. Dort arbeiten Menschen eng zusammen, oft unter Zeitdruck, mit verletzlichen Rollen und starken Egos. Das schafft Nähe, aber auch Abhängigkeiten. Wenn Führung dann auf persönliche Bindung statt auf klare Zuständigkeiten setzt, wird aus Teamgeist schnell Willkür. Wer dazugehört, wer gehört wird, wer widerspricht, wer still sein soll: Solche Fragen werden in vielen Häusern nicht offen geregelt, sondern über Tonfall, Netzwerke und Gewohnheit entschieden. Das ist kulturpolitisch unerquicklich und im Alltag ziemlich teuer.

Rötzers Haltung wirkt deshalb nicht kalt, sondern präzise. Sie erinnert daran, dass professionelle Distanz nichts mit mangelnder Empathie zu tun hat. Im Gegenteil: Wer Verantwortung trägt, braucht die Fähigkeit, Grenzen zu ziehen, ohne sofort auf persönliche Kränkung zu schalten. Das ist im Theater nicht weniger wichtig als in einem Krankenhaus, einer Schule oder einem Büro mit Dauer-Chat und Dauererreichbarkeit. Nur wird es dort gern romantisiert. Ausgerechnet dort, wo viel von Zusammenarbeit abhängt, wird Struktur oft als Störung behandelt.

Natürlich gibt es die Gegenposition. Viele im Kulturbetrieb sagen zu Recht, dass Theater ohne Vertrauen, Leidenschaft und ein Gefühl gemeinsamer Sache austrocknet. Das stimmt. Aber Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass alle einander familiär umarmen. Es entsteht durch Verlässlichkeit, transparente Entscheidungen und die Sicherheit, dass Grenzen gelten. Wer das für bürokratisch hält, hat meist einfach schlechte Erfahrungen mit echter Führung gemacht.

Die Pointe an Marie Rötzers Start in der Josefstadt ist deshalb eine unbequeme: Gute Leitung beginnt nicht mit Nähe, sondern mit Ordnung. Wer eine Institution ernst nimmt, darf sie nicht wie einen Freundeskreis behandeln. Gerade in einem Haus mit Tradition ist das keine kalte Ansage, sondern eine notwendige Korrektur. Denn wo alle Familie sein wollen, endet Verantwortung oft als Gefühlssache. Und Gefühle sind im Theater schön. Für Führung sind sie ein ziemlich unzuverlässiges Betriebssystem.

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