Ein paar Straßenzüge weniger sollen es richten: Wien zieht die Schutzzone enger, um den offenen Drogenhandel zurückzudrängen. Der Plan klingt entschlossen, fast pragmatisch. Drogenkoordinator Ewald Lochner sagt, Händler sollen damit permanent in Bewegung gehalten werden. Das ist eine interessante Formulierung. Sie beschreibt weniger eine Lösung als ein Verwaltungsprinzip: Problem nicht beseitigen, sondern verschieben.
Genau darin liegt die zentrale Frage der neuen Schutzzone gegen Drogenhandel in Wien: Wird hier ein Markt gebrochen oder nur eine Route verlegt? Denn offene Drogenszenen reagieren auf Druck oft nicht mit Auflösung, sondern mit Anpassung. Wer den öffentlichen Raum kontrolliert, verändert zunächst Sichtbarkeit und Aufenthaltsorte. Das ist politisch nicht banal, weil Sichtbarkeit schnell mit Sicherheit verwechselt wird. Weniger Dealer vor der Haustür heißt nicht automatisch weniger Handel in der Stadt.
Sozialpolitisch ist das eine heikle Strategie. Repressive Maßnahmen können kurzfristig entlasten, vor allem für Anrainerinnen und Anrainer, die seit Monaten oder Jahren mit Belästigung, Konsum im Stiegenhaus oder Konflikten im öffentlichen Raum leben. Dieser Druck ist real, und ihn kleinzureden wäre arrogant. Wer im Alltag mit Spritzbesteck am Gehsteig oder nervösem Dauerverkehr vor Wohnhäusern konfrontiert ist, will keine Theorie hören, sondern Ruhe.
Aber die zweite Seite ist ebenso real: Verdrängung hat ihren Preis. Wenn Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Nachbarbezirken neue Aufenthaltsorte erkennen sollen, dann wird aus einer Schutzzone faktisch ein Wanderkorridor für das Problem. Das ist nicht automatisch wirkungslos – aber es ist auch kein Beweis für Problemlösung. Es erinnert eher an das berühmte Becken mit Wasser: Drückt man auf einer Seite nach unten, steigt es anderswo wieder hoch. Nur dass hier nicht Wasser, sondern ein hochriskanter Schwarzmarkt im Spiel ist.
Die Forschung zu Verdrängung im Drogenbereich zeigt seit Jahren ein widersprüchliches Bild. Kurzfristig lassen sich offene Szenen räumlich oft tatsächlich verkleinern. Langfristig verlagern sich Märkte jedoch häufig, wenn Nachfrage, Armut, fehlender Zugang zu Behandlung und organisierte Netzwerke unverändert bleiben. Genau deshalb ist permanent in Bewegung halten kein sozialpolitisches Konzept, sondern höchstens eine Zwischenstrategie. Wer nur den Ort bekämpft, behandelt die Oberfläche der Krise.
Ein wenig beachteter Punkt kommt dazu: Verdrängung trifft nicht alle Beteiligten gleich. Händler weichen aus, Konsumierende aber oft nicht einfach mit. Sie wechseln dann in entlegenere, schlechter überwachte Räume, wo Hilfe schwerer erreichbar ist und Risiken steigen. Weniger Sichtbarkeit kann also mehr Unsichtbarkeit produzieren – und damit genau jene Gruppe härter treffen, die ohnehin am wenigsten Stabilität hat. Das ist der unbequeme Teil: Öffentliche Ordnung und Schadensminderung ziehen nicht immer in dieselbe Richtung.
Die Befürworter der Schutzzone haben trotzdem ein starkes Argument. Der Staat darf öffentliche Räume nicht kampflos aufgeben. Gerade in Bezirken mit hoher Belastung braucht es klare Grenzen, Präsenz und schnelle Reaktion. Wer nichts tut, überlässt die Straße jenen, die mit Einschüchterung, Gewalt und Abhängigkeit Geld verdienen. Das wäre sozialpolitisch mindestens so naiv wie eine reine Verdrängungsstrategie.
Die richtige Antwort liegt deshalb nicht zwischen Härte und Nachsicht, sondern in ihrer Verbindung: konsequentes Einschreiten gegen den Handel, aber zugleich niedrigschwellige Hilfe für Konsumierende, mehr Streetwork, bessere Substitution, mehr psychische Versorgung und vor allem eine regionale Koordination, die nicht erst reagiert, wenn die Szene schon im nächsten Grätzel angekommen ist. Sonst wird aus permanent in Bewegung halten eine teure Spielekonsole der öffentlichen Hand: viel Aktivität, wenig Fortschritt.
Wien sollte sich also nichts vormachen. Eine Schutzzone kann den Druck sichtbar machen und kurzfristig Ordnung schaffen. Aber wenn sie nicht von Sozialarbeit, Suchthilfe und realer Prävention flankiert wird, löst sie die Szene nicht auf – sie verteilt sie nur neu. Und das ist die eigentliche politische Zumutung: Nicht der offene Drogenhandel verschwindet zuerst, sondern bloß seine Adresse.