Wenn Tonaufnahmen zur Waffe werden

Eine Staatsanwaltschaft, die wegen des Verdachts auf Erpressung und missbräuchliche Verwendung von Tonaufnahmen ermittelt, ist mehr als eine Personalie. Sie ist ein Testfall. Denn hier geht es nicht nur um die Frage, ob sich zwei Personen strafbar gemacht haben sollen. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: Darf man im Namen der Aufklärung Methoden einsetzen, die am Ende genau jene Öffentlichkeit beschädigen, auf die Journalismus angewiesen ist?

Der Vorwurf ist heikel, gerade weil er in einem Milieu aufpoppt, das sich gern als moralische Kontrollinstanz versteht. Wenn eine ORF-Mitarbeiterin und ihr Anwalt im Verdacht stehen, Aufnahmen nicht nur zu besitzen, sondern daraus Druck entwickelt zu haben, dann ist das keine Nebensache. Die beantragten Zeugeneinvernahmen deuten darauf hin, dass die Ermittler nicht bei einem bloßen Missverständnis stehen bleiben wollen. Das ist gut so. Denn in einem Rechtsstaat zählt nicht die Gesinnung, sondern die Grenzziehung.

Genau dort liegt das eigentliche Problem. Journalistische Arbeit lebt von vertraulichen Hinweisen, verdeckten Gesprächen und manchmal von Material, das rechtlich oder ethisch nicht sauber gewonnen wurde. Das ist unangenehm, aber real. Die bittere Wahrheit lautet: Ohne Vertraulichkeit gibt es viele Missstände nicht. Die ebenso bittere Gegenthese lautet: Ohne Regeln wird aus Recherche schnell Selbstermächtigung. Wer Tonaufnahmen zur Waffe macht, um Druck aufzubauen, verlässt den Bereich der Aufklärung und betritt den Bereich der Erpressung. Die Grenze ist nicht dekorativ. Sie ist der Kern.

Eine oft übersehene Zuspitzung: Gerade Medienhäuser sind auf Glaubwürdigkeit angewiesen, wenn sie Macht kontrollieren wollen. Ein einzelner Fall kann dabei mehr zerstören als zehn gelungene Enthüllungen reparieren. Das ist kein Argument für Schweigen, sondern für Disziplin. In Österreich ist die Debatte über Medien ohnehin durch Vertrauensverlust vorbelastet. Der Reuters Institute Digital News Report 2024 weist für Österreich einen deutlich niedrigen Vertrauenswert aus als in vielen nordeuropäischen Ländern. Die genaue Platzierung schwankt je nach Erhebungsjahr, aber die Richtung ist stabil: Das Publikum ist skeptisch. Wer nun auch noch den Eindruck erweckt, im Schatten journalistischer Arbeit würden Tonaufnahmen taktisch eingesetzt, liefert Skeptikern die bequemste aller Bestätigungen.

Die Gegenposition ist dennoch ernst zu nehmen. Nicht jede scharf geführte Beweisführung ist gleich Erpressung. Anwälte dürfen Interessen vertreten, Journalisten dürfen Missstände dokumentieren, und manchmal ist Ton überhaupt erst der einzige Weg, um Machtmissbrauch sichtbar zu machen. Gerade bei heiklen Themen wie Korruption, Insider-Absprachen oder sexistischem Fehlverhalten wäre die Forderung nach makellosen Methoden naiv. Wer nur makellose Methoden erlaubt, sorgt am Ende für makellose Vertuschung. Auch das gehört zur Wahrheit.

Aber: Wer mit Aufnahmen arbeitet, muss erklären können, warum, mit welchem Ziel und mit welcher Grenze. Transparenz ist hier nicht nur eine höfliche Zugabe, sondern die Bedingung dafür, dass investigatives Arbeiten nicht in ein Graufeld kippt, in dem das Mittel den Zweck frisst. Der langfristige Schaden wäre enorm. Denn je öfter Medien, Berater oder Anwälte Beweismittel als Druckmittel einsetzen, desto mehr werden echte Hinweisgeber misstrauisch, Gesprächspartner defensiv und Gerichte unwilliger, journalistischem Material zu trauen. Dann zahlen am Ende jene den Preis, die sauber gearbeitet haben.

Es ist daher richtig, dass die Staatsanwaltschaft genau hinsieht und Zeug*innen einvernimmt. Nicht, weil Journalismus unter Generalverdacht stünde, sondern weil seine Freiheit nur dann verteidigt werden kann, wenn ihre Grenzen sichtbar bleiben. Der unbequemste Satz in diesem Fall lautet vielleicht: Wer Öffentlichkeit will, darf sich nicht wundern, wenn am Ende auch die eigenen Methoden öffentlich werden. Und wer Tonaufnahmen als Hebel benutzt, verteidigt keine Transparenz, sondern untergräbt sie mit Ansage.

Weiterführende Links
Comments (0)
Add Comment