Die Merit-Order gilt als zentrales Prinzip der Strompreisbildung in liberalisierten Energiemärkten. Dabei werden Kraftwerke nach ihren Grenzkosten sortiert, um den Strombedarf möglichst kosteneffizient zu decken: Das jeweils teuerste Kraftwerk setzt den Marktpreis. Doch trotz ihrer fundamentalen Rolle gerät die Merit-Order erneut in den Fokus der Kritik – sie wird als Preistreiber verteufelt. Doch ist der Mechanismus wirklich Schuld an den hohen Preisen?
Wie funktioniert die Merit-Order? Die Kraftwerke werden nach ihren Grenzkosten – meist die Brennstoffkosten – aufgereiht. Günstige Gas- oder Braunkohlekraftwerke werden zuerst eingesetzt, während teurere Anlagen weiter hinten stehen. Der Marktpreis orientiert sich am teuersten benötigten Kraftwerk, auch Preisbildungsfunktion genannt. Dieses Modell sorgt grundsätzlich für Effizienz und Wettbewerbsdruck.
Das Problem liegt jedoch nicht im Prinzip, sondern im Staatsversagen und der politischen Steuerung des Energiesektors. Faktoren wie Subventionen, fehlende Infrastrukturinvestitionen, regulatorische Unsicherheiten und die geopolitische Lage durch den Ukraine-Krieg beeinflussen die Brennstoffkosten massiv. Dadurch steigen die Grenzkosten und damit der Strompreis.
Hinzu kommt, dass erneuerbare Energien zwar über Feed-in-Tarife und Gesetzesvorgaben bevorzugt ins Netz eingespeist werden, doch aufgrund ihrer fluktuierenden Einspeisung weiterhin konventionelle Kraftwerke benötigt werden. Diese müssen bei Bedarf kurzfristig einspringen und bestimmen oft den hohen Preis.
Die Politik beklagt oft ein Marktversagen im Energiesektor – doch das vermeintliche Marktversagen ist in Wirklichkeit eine Folge politischen Handelns. Die Merit-Order zu verteufeln, hilft nicht weiter, sondern lenkt von der dringend notwendigen Reform der Energiemärkte und der richtigen politischen Steuerung ab.
Fazit: Die Merit-Order bleibt ein unverzichtbares Instrument in der Preisbildung. Die hohen Strompreise sind Ergebnis komplexer Zusammenhänge, in denen Staatsversagen, geopolitische Faktoren und der Strukturwandel im Energiesektor eine entscheidende Rolle spielen. Eine kritische, sachliche Diskussion ist notwendig, um nachhaltige Lösungen zu finden – weg von vereinfachenden Schuldzuweisungen.
Weiterführende Links
- https://www.bdew.de/service/merit-order-prinzip/
- https://www.agora-energiewende.de/veroeffentlichungen/merit-order-und-strompreise-im-deutschen-strommarkt/
- https://www.bundestag.de/resource/blob/569376/868a1ee04ce585cdf998d645d2a7288f/WD-10-095-20-pdf-data.pdf