MAK zeigt „MY ULLMANN. Gelebter Kinetismus: Bilder, Bühne, Kunst am Bau“
Futuristisch, bunt, modisch und eigenwillig wie auch tiefgründig in seiner ästhetischen und inhaltlichen Dimension präsentiert sich der künstlerische Kosmos von Maria Ullmann (1905–1995). „My“ – wie sie signierte – gilt als eine der Hauptvertreterinnen des Kinetismus, einer der interessantesten und gleichzeitig am wenigsten beleuchteten Kunstbewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts in Wien. Ausgebildet an der Wiener Kunstgewerbeschule, schuf My Ullmann an vielen Lebensstationen in Österreich, Deutschland und der Schweiz ein beeindruckendes Œuvre: kinetistische Bilder, Gebrauchsgrafik, Stoff-, Bühnen-, und Kostümentwürfe, Möbel, Raum- und Wandgestaltungen oder Kunst am Bau. Das MAK widmet der kompromisslosen Pionierin des 20. Jahrhunderts die erste Personale in Österreich, MY ULLMANN. Gelebter Kinetismus: Bilder, Bühne, Kunst am Bau" (17.4.–1.9.2024).
In sechs Kapiteln zeichnet die Ausstellung den künstlerischen Weg von My Ullmann nach. Dabei ist es gelungen, Leihgaben aus großen österreichischen Museen und Privatsammlungen neben bisher nie gezeigten Arbeiten aus ihrem umfangreichen Nachlass für die Ausstellung zu gewinnen. Fotos und Dokumente veranschaulichen die Schaffenskraft und das Temperament der zeitlebens unangepassten Ausnahmekünstlerin.
Es ist ein Werk voller Vielschichtigkeit in Materialität und Herangehensweise an die Kunst, das die Recherche zur Ausstellung zutage brachte: Mit nur 16 Jahren entscheidet sich My Ullmann für eine Ausbildung an der für ihre experimentelle Ausrichtung bekannten Wiener Kunstgewerbeschule. Vor allem der Unterricht bei Franz Čižek begeistert die junge Künstlerin.
Čižek fördert eine völlig neue Form des intuitiven Zeichnens und Malens sowie ein Gefühl für Rhythmus und Bewegung. Musik, Theater, Tanz, ja sogar rhythmische Gymnastik bezieht er in seinen Unterricht mit ein. Er führt Expressionismus, Kubismus und Futurismus als neue und noch befremdende Kunstströmungen an die Schüler*innen heran. Sein Streben nach ständiger Bewegung und gesuchter Unruhe sind wie geschaffen für My Ullmanns Lebenshunger.
In Čižeks Klasse hat Ullmann die Freiheit für völlig neuartige Bildschöpfungen: Kristalline Formationen, Zickzackmuster oder gekurvte Linien charakterisieren ihre Bilder. Bewegte Figuren werden übereinandergeschichtet, von Kreisen und Schrägen durchschnitten oder aufgesplittert. Entstehende Segmente füllt Ullmann mit kräftigen, monochromen Farben oder glänzendem Gold und Silber aus. Rhythmus, Bewegung und Licht sollen ihr gesamtes, über 40 Jahre dauerndes, produktives künstlerisches Schaffen grundlegend beeinflussen.
Mit ihrer persönlichen wie künstlerischen Eigenwilligkeit avanciert sie gemeinsam mit Erika Giovanna Klien und Elisabeth Karlinsky zu den Stars in Čižeks Klasse und damit zu einer der Hauptvertreterinnen der avantgardistischen Kunstrichtung Kinetismus. My Ullmann geht noch einen Schritt weiter und versucht, basierend auf dem griechischen Wort „kinesis“ (Bewegung), die zwischen Kubismus und Futurismus angesiedelte Sonderform des Konstruktivismus durch die Darstellung simultan ablaufender Bewegungsprozesse in einer Komposition zu vereinen („Kopf einer Tänzerin“). Dementsprechend ändert sie auch ihren Vornamen Maria zur lateinischen Transkription des griechischen Buchstabens My.
Nach dem Ende des Studiums verdient sie ihren Lebensunterhalt zunächst mit Auftragsarbeiten wie Stoff- und Teppichentwürfen für die Firma Backhausen oder Werbegrafik für Humanic, die Möbelfirma Thonet und die Österreich-Werbung. Bald führt sie ihre Karriere, die von zahlreichen Ortswechseln bestimmt ist, unter anderem in die Schweiz, wo sie 1931 die Ausstattung der Geistlichen Spiele in Luzern verantwortet und für das Zürcher Schauspielhaus Bühnenbilder und Drucksachen schafft. In Berlin arbeitet sie wieder als Werbegrafikerin und unterrichtet an der Textil- und Modeschule. Zwischen 1934 und 1940 ist sie als Bühnen- und Kostümbildnerin für Theater in Berlin, Leipzig, Münster, Dortmund und Gelsenkirchen tätig.
Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet Ullmann als Innenarchitektin und lässt sich 1959 in Münster nieder, wo sie "MY STUDIO" eröffnet und sich auf künstlerische Raum- und Wandgestaltungen spezialisiert. Viele der Werke, die sie in den 1960er Jahren in ihrem Atelier als Kunst am Bau ausführt und in denen sie an ihr kinetistisches Frühwerk anknüpft, existieren heute nicht mehr. Die Kraft dieser Großformate ist aber ungebrochen in ihren expressiven Entwürfen auf Papier nachzuspüren. 1975 geht My Ullmann nach Konstanz, wo sie sich künstlerisch zurückzieht und im Jahr 1995 weitgehend vergessen stirbt.
30 Jahre nach ihrem Tod erfährt das Œuvre der vielseitigen Künstlerin, die zeitlebens durch selbstbewusste Eigenwilligkeit und einen unkonventionellen Lebensstil auffällt, eine späte Würdigung.
Die Ausstellung und der begleitende Katalog sind in Zusammenarbeit mit der Städtischen Wessenberg-Galerie Konstanz entstanden.
Pressefotos stehen unter MAK.at/presse zum Download bereit.
Pressekonferenz
Dienstag, 16.4.2024, 10 Uhr
Wir bitten um Anmeldung unter presse@MAK.at
Eröffnung
Dienstag, 16.4.2024, 19 Uhr
Eintritt frei zur Ausstellungseröffnung
Ausstellungsort
MAK Kunstblättersaal
MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
Ausstellungsdauer
17.4.–1.9.2024
Öffnungszeiten
Di 10–21 Uhr, Mi bis So 10–18 Uhr
Gastkuratorin
Barbara Stark, Direktorin Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz
Kuratorin
Kathrin Pokorny-Nagel, Leitung MAK Bibliothek und Kunstblättersammlung/Archiv
Ausstellungsgestaltung
Michael Wallraff
Grafische Gestaltung
Paulus Dreibholz
Publikation
"MY ULLMANN. Bilder, Bühne, Kunst am Bau", herausgegeben von Barbara Stark und Lilli Hollein, mit Beiträgen von Sebastian Hackenschmidt, Barbara Lesák, Sabine Plakolm-Forsthuber, Kathrin Pokorny-Nagel, Anne-Katrin Rossberg und Barbara Stark. Deutsch, 160 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen. Städtische Wessenberg-Galerie Konstanz und MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien/Michael Imhof Verlag, Petersberg 2023. Erhältlich im MAK Design Shop und unter MAKdesignshop.at um € 24.
Rahmenprogramm
Details unter MAK.at
MAK Eintritt
€ 16,50/15,50*; ermäßigt € 13,50/12,50*; jeden Dienstag 18–21 Uhr: Eintritt € 8/7,50*
Eintritt frei für Kinder und Jugendliche unter 19
* Ticketpreis im Online-Vorverkauf
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
(C) Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender. MAK - Museum für angewandte Kunst