„So ist das Leben“ und „Lebensfreude“ in „kreuz und quer“
Wien (OTS) – Wenn eine hohe Erwartungshaltung unerfüllt bleibt, stellt sich Frustration ein. Das Gefühl macht sich breit, dass alle Anstrengungen umsonst waren. Emotionen und Gedanken des Versagens und der Ohnmacht lähmen die vitalen Kräfte. Und vielleicht – je nach Charakter – regen sich auch aggressive Gefühle. Wer hingegen auf Enttäuschungserfahrungen dieser Art mit einer gewissen Gelassenheit reagieren kann und den niederdrückenden Emotionen Grenzen zu setzen vermag, hat eine ausgeprägte Frustrationstoleranz. Und diese lässt sich Schritt für Schritt einüben – und macht innerlich freier. Frustration ist nicht umsonst. Carola Timmel hat für ihren „kreuz und quer“-Film „So ist das Leben“ Menschen getroffen, die auf dem Weg zu einer höheren Frustrationstoleranz bereits Fortschritte gemacht haben – ohne dass sie Rückschritte verschweigen. Der Film macht am Dienstag, dem 16. Jänner 2024, um 22.35 Uhr in ORF 2 auch deutlich, dass eine weitere Perspektive auf das Dasein es leichter möglich macht, sich von den vielen ermüdenden und frustrierenden Begebenheiten des Alltags nicht kleinkriegen zu lassen: Unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit relativiert sich so manches irdische Ärgernis. Frustrationstoleranz hat so gesehen auch eine spirituelle Dimension.
„Lebensfroh bin ich dadurch geworden, dass ich es mir erarbeitet habe. Wenn ich jemanden gesehen habe, der missmutig war, habe ich für mich beschlossen: ‚Nein – so möchte ich nicht sein‘“, so beschreibt Marion Schröder, eine der Protagonistinnen der „kreuz und quer“-Dokumentation „Lebensfreude“ (23.20 Uhr), ihre Einstellung. Viele machen ihre Lebensfreude von äußeren Umständen abhängig – sei es die Beziehung, der Job oder das Wetter. Im Film von Michael Cencig werden drei Personen vorgestellt, denen ihre positive Grundstimmung oft nicht leicht gemacht wurde – und die dennoch immer wieder einen Zugang dazu gefunden haben.
„So ist das Leben“ – Ein Film von Carola Timmel
Reza Khabbaz, ehemaliger Profi-Musiker, ist jemand, der Frustration gut kennt. Sein Gitarrenspiel musste der ehemalige Profi-Musiker wegen einer Krankheit aufgeben, bei der die Finger plötzlich streiken. Nach einem Tiefpunkt vor einigen Jahren suchte er nach einer beruflichen Alternative – und er fand sie im Klavierbau. Der aus Persien stammende Musiker zeigt, dass es gelingen kann, große Frustrationen hinter sich zu lassen und neue Wege zu finden.
Einer, der Frustrationstoleranz offensichtlich ebenfalls gut kultiviert hat, ist Stefan Schöner – Gastwirt im Wienerwald. Sein Universum ist ein Wirtshaus mit Schanigarten unter altem Baumbestand, ein Hühnerstall und ein Schuppen für den Traktor. An manchen Tagen ist der Gastgarten mit Gästen voll besetzt – ein möglicher Stressfaktor, der Frustration vorprogrammiert. Als wichtigen Frustrationsgegenspieler nennt Stefan Schöner Ruhe und Gelassenheit. So kann ihn auch beim berühmten „Vorführeffekt“ nichts aus der Ruhe bringen: Als die Motorsäge, die er anwerfen möchte, versagt, reagiert er ganz und gar nicht frustriert, sondern sagt entspannt: „C’est la vie!“
Frustration im Zusammenhang mit Krankheit ist ebenfalls ein Thema des Dokumentarfilms: Pensionist Horst Haider erzählt, wie es ihm damit geht, dass er mit seiner an Alzheimer erkrankten Frau nicht mehr kommunizieren kann: „Sie ist heute für mich wie ein kleines Baby, das entdeckt, ob etwas schmeckt oder nicht – und dann die Freude, wenn sie hie und da die Augen aufmacht.“ Momente wie diese geben ihm Kraft, mit der großen Herausforderung einigermaßen umzugehen.
Eine spannende Herangehensweise an Frustrationserfahrungen ist das von der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation inspirierte Programm MBSR. Tina Draszczyk gibt Einblicke in diese meditativen Techniken und stellt eine grundsätzliche Frage: „Was ist denn verkehrt an der Frustration – wenn ich weiß, wie ich mit ihr umgehe!?“ Gefühle der Frustration seien Momente, die einen daran erinnern, nach innen zu schauen: „Und diese Art, mit mir selbst in Beziehung zu treten, gibt mir eine gute Ressource, mich neu zu kalibrieren.“
Hinfallen und wieder aufstehen ist eine elementare Erfahrung, die Kinder möglichst früh lernen sollten, meint Zirkuspädagogin Ruth Schleicher. Sie ist Leiterin einer Zirkusschule – eine Institution, die mit Bewegungen der Zirkuskunst arbeitet und ein Spektrum zwischen anstrengenden Übungen und ästhetischer Körpererfahrung anbietet. In einer Zeit, wo Kinder viel Druck aushalten müssen, lernen sie dort Wesentliches im Umgang mit Frustration. „Viele der Kinder, die zu uns kommen, bringen Spannungszustände von der Schule mit. Erhöhte Leistungsanforderungen oder Gefangenheit in Gruppendynamiken sind eine der wesentlichen Gründe für Frustration“, sagt die Zirkuspädagogin. Und hier sei Bewegung ein Regulativ, durch das Emotionen wie Frustration ausgedrückt und verarbeitet werden können. Denn nicht alle Kinder hätten eine Sprache dafür. Der Dokumentarfilm zeigt an diesen und anderen Beispielen, wie mit Frustration konstruktiv umgegangen werden kann – und auch, wie Religion und Spiritualität bei der Bewältigung von Frustrationen hilfreich sein können.
„Lebensfreude“ – Ein Film von Michael Cencig
„Ich will mir jeden Tag als Abenteuer gestalten, weil mir das Freude bereitet. Natürlich habe ich auch Tage, wo ich mir denke ‚puh …‘ – aber dann erinnere ich mich wieder: Du bist da, du kannst das machen. Andere liegen am Zentralfriedhof und werden das nie mehr machen können.“ So motiviert sich Josef Köberl täglich für seine Aufgaben. Der frühe Tod seines Vaters und seiner Schwester haben ihn geprägt. Als Brotberuf arbeitet er im Klimaschutzministerium, doch seine Leidenschaft gilt voll und ganz dem Schwimmen im eiskalten Wasser:
„Im Endeffekt will ich mein Leben ausfüllen. Den hohlen Körper, den ich habe, befüllen mit Freude. Die Natur, das saubere Wasser, das Herz pocht, du spürst die Kälte – traumhaft, oder?“
„Wenn man gegen den Strom schwimmt, lernt man viel und bekommt auch viel Kraft dadurch.“ Der indische Franziskanermönch Sandesh Manuel meint damit allerdings andere Widerstände als das Wasser. Der Geistliche ruft immer wieder Verwunderung hervor durch sein spezielles Hobby: den Rap. Auch wenn sich manche an Sandeshs Rap-Videos stoßen mögen – Sandesh bekennt sich dazu, ein „Kasperl Gottes“ zu sein. Er strahlt Freude aus und lacht gerne. Dennoch stellt er fest: „Das Leben besteht aus Hochs und Tiefs. Aber es geht nicht um dieses Oben und Unten – es geht ums Vorangehen, ums Weitermachen. Weil ich merke, jeden Tag findet eine Entwicklung statt. Wir sind VER-wickelt und ENT-wickeln uns.“
Die Psychotherapeutin Irmgard Mendler-Schadt sieht die Lebensfreude als „Urkraft des Lebendigen“ und vertritt die These, „dass jeder von uns mit gewissen Grundfähigkeiten und Gaben auf die Welt kommt. Und wenn wir die entdecken und entwickeln, und wenn wir spüren, dass das auch für andere relevant ist, dann schafft das Sinn und freut uns.“
Diesen Lebenssinn hat auch Marion Schröder für sich entdeckt: Als Pflegeassistentin ist sie Tag für Tag für andere da. Das Leben der dreifachen Mutter war nicht immer einfach. Ihre Ehe zerbrach. Sie erlitt einen Schlaganfall, und eine Zeitlang sah es so aus, als würde sie nie wieder einer geregelten Arbeit nachgehen können. Aber das wollte Marion nicht akzeptieren, denn „das hier im Altenheim ist meine zweite Familie. Wenn ich die Bewohner sehe, und dann kommt ein Lächeln oder ein Danke, oder auch, wie die Bewohner miteinander tun, auch wenn es Reibereien gibt – das ist das Leben. Und das ist schön, und das gibt mir Lebensfreude.“
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