Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 14. November 2023. Von CHRISTIAN JENTSCH. "Im Dunkel der Entmenschlichung". | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 14. November 2023. Von CHRISTIAN JENTSCH. „Im Dunkel der Entmenschlichung“.

0 406

Gefangen in der Spirale aus Hass und Vergeltung werden im Gaza-Krieg neue Monster geboren, verliert sich der Blick auf eine Zukunft jenseits des Krieges, in der Israelis und Palästinenser in Frieden miteinander leben können.

Es ist eine düstere Welt, die über uns hereingebrochen ist. Tagtäglich erreichen uns Horrormeldungen vom Krieg in Nahost. Von den Terrorattacken der Hamas, bei denen am 7. Oktober rund 1200 Israelis bestialisch ermordet und 240 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Von in Schutt und Asche gelegten Städten und Flüchtlingslagern in Gaza und sterbenden Babys in zerstörten Kliniken. Eine Gemengelage aus Tod und Elend, eine Spirale aus Hass und Vergeltung legen sich wie ein undurchdringlicher Schleier über die Region. Die Hoffnungslosigkeit raubt den Menschen den Atem. „Der Krieg radiert die Zukunft aus“, mahnte Papst Franziskus. Doch seine Worte werden verhallen, verhallen in der Logik des Krieges, des Hasses.
Der Terror der Hamas, bei dem Anfang Oktober in Israel wahllos vor allem Zivilisten abgeschlachtet wurden – vom Baby bis zur Großmutter –, kann nur dann passieren, wenn sich die Entmenschlichung Bahn gebrochen hat. Aber auch die Bombardierung von Wohngebieten und Flüchtlingslagern im Gazastreifen, die Angriffe auf Krankenhäuser – auch wenn sich darin Hamas-Terroristen aufhalten – zeugen von entmenschlichter Kriegsführung auf der anderen Seite.
Mit der Entmenschlichung wird vieles – fast alles – möglich. Sie schaltet das Gewissen aus, schiebt jegliche Moral beiseite. Die Entmenschlichung blendet das Leid anderer aus, humanitäre und religiöse Grundsätze und Gebote verblassen, Mitgefühl wird kein Platz mehr eingeräumt. Mit der Entmenschlichung kann sich der Terror, der Hass, die Vergeltung frei entfalten. Ohne Rücksicht auf Verluste.
Aber die Entmenschlichung zerstört nicht nur den Gegner, den Feind, sondern auch jenen, der sie einsetzt. Sie zerstört das Grundgerüst der Gesellschaft, sie macht blind und taub. Sie hinterlässt nur verbrannte Erde und treibt Entwicklungen voran, die alle Grenzen überschreiten. Mit unabsehbaren Folgen.
Der blinde Hass auf Juden und Israel schuf Monster, welche die Schrecken und Traumata des Holocaust wieder erweckt haben. Und in einem bestialischen Massaker Ausdruck fanden. Auf der anderen Seite fordert die Gleichsetzung der Menschen im Gaza­streifen mit den Terroristen der Hamas Tausende unschuldige Tote, die so hingenommen werden. Der Tod von Zivilisten, auch von Kindern, wird zum Kollateralschaden, zur Kriegslogik. Krankenhäuser zum Angriffsziel.
Im Dunkel der Entmenschlichung verliert sich der Blick auf die Zukunft. Auf eine Zukunft, in der Israelis und Palästinenser in Frieden und Sicherheit miteinander leben können.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
(C) Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender. Tiroler Tageszeitung

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.