Historiker Dariusz Stola hält 34. Jan Patočka Memorial Lecture
Die diesjährige Vorlesung trägt den Titel "The Agency of the Powerless: The Transformative Power of the Non-politics of Small Things". Ausgehend von Vaclav Havels Essay über die Macht der Ohnmächtigen wird der Vortrag Havels Erkenntnisse über die alltägliche Reproduktion des kommunistischen Regimes und dessen Erosionspotential auf das Feld bewusst unpolitischer und unscheinbarer sozialer Praktiken erweitern.
Der Versuch des kommunistischen Staates, alle Lebensbereiche zu kontrollieren, schränkte verschiedene persönliche Bedürfnisse und Bestrebungen rigide ein. Die Reformen nach Stalin gaben dem Staat mehr Flexibilität und ließen ein gewisses Maß an Privatsphäre zu, eröffneten aber auch Raum für das Austesten von Grenzen sowie die Ausweitung von irregulären Praktiken und Grauzonen.
Eine mikrohistorische Perspektive ermöglicht es, die Muster und Dynamiken dieser Expansion zu begreifen und zu erkennen, wie sie zur Entwicklung des Regimes beitrug, dessen Drehbuch durch ungeplante Rollen und Szenen, einschließlich der grauen und anderer Märkte, verwischt und untergraben wurde. Obwohl sie sich von der emanzipatorischen "Politik der kleinen Dinge" unterscheiden, hat die Verbreitung irregulärer unpolitischer Praktiken bemerkenswerte Veränderungen bewirkt, auch in der Machtverteilung. Ihre Geschichte hilft uns, sowohl den Niedergang als auch die jahrzehntelange Stabilität des kommunistischen Regimes als Korrelat seiner sozialen und kulturellen Einbettung besser zu verstehen.
Dariusz Stola ist Historiker und Professor am Institut für politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau sowie Vizepräsident des IWM. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des komunistischen Regimes in Polen, polnisch-jüdische Beziehungen und internationale Migration im 20. Jahrhundert. Er ist Autor und Mitherausgeber mehrerer Bücher zur polnischen Geschichte und schreibt regelmäßig Beiträge für wissenschaftliche Zeitschriften. Von 2014 bis 2019 war Stola Direktor des Warschauer Polin-Museums für polnisch-jüdische Geschichte und trug maßgeblich zu dessen Erfolg als Europäisches Museum des Jahres 2016 bei.
Über die IWM Jan Patočka Memorial Lecture Series
Der tschechische Denker Jan Patočka (1907) gilt als einer der bedeutendsten modernen Philosophen Mitteleuropas und war Mitbegründer und Sprecher der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. Seine Werke werden seit den 1980er Jahren am Institut für die Wissenschaften vom Menschen erforscht und veröffentlicht. Die 1987 von Hans-Georg Gadamer ins Leben gerufene Vortragsreihe findet in diesem Jahr zum 34. Mal statt. Zu den bisherigen Redner:innen gehören Nancy Fraser, Lord Dahrendorf, Edward W. Said, Albert O.Hirschman, Francois Furet, Jaques Derrida, Leszek Kolakowski und, in jüngerer Zeit, Lord Skidelsky, Chantal Mouffe und Aleida Assmann.
Im Anschluss an den Vortrag lädt das IWM zu einem informellen Empfang mit Wein und Snacks.
34. Jan Patočka Memorial Lecture (in englischer Sprache)
Datum: 25.10.2023, 18:00 – 19:30 Uhr
Ort: Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM)
Spittelauer Lände 3, 1090 Wien, Österreich
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