Friedrich Merz wollte die AfD mit Härte klein halten. Stattdessen wächst der Eindruck, dass seine Politik der Zuspitzung immer neue Kollateralschäden erzeugt. Je härter die Union gegen die AfD markiert, desto öfter wirkt sie selbst wie ein Teil jener Eskalationslogik, die sie angeblich bekämpfen will. Das ist politisch unbequem, aber nicht schwer zu erkennen: Wer die Debatte vor allem über Abgrenzung organisiert, liefert der AfD genau das Material, das sie braucht – den Dauerstreit, die Alarmstimmung, das Gefühl, dass die da oben ohnehin nur noch gegeneinander arbeiten.
Robin Alexander beschreibt Deutschland in einer Lage zwischen Skylla und Charybdis – also zwischen zwei schlechten Optionen. Der Satz trifft den Kern erstaunlich gut. Die Union steht unter doppeltem Druck: Sie soll die AfD stoppen, ohne selbst deren Themen und Tonlage zu übernehmen. Gleichzeitig soll sie regierungsfähig wirken, ohne die eigenen Wähler zu verlieren, die bei Migration, Sicherheit und wirtschaftlicher Unsicherheit immer ungeduldiger werden. Das ist keine elegante Lage, sondern ein politisches Minenfeld. Und Merz bewegt sich darin oft mit der Anmut eines Mannes, der ausgerechnet mit dem Presslufthammer nach Feinmechanik sucht.
Der erste Befund ist nüchtern: Die Brandmauer gegen die AfD ist kein moralisches Dekor, sondern ein Machtinstrument. Sie soll verhindern, dass eine Partei, die vom Verfassungsschutz bundesweit als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt wird, über Koalitionen in die Regierungsverantwortung rutscht, ohne dafür eine Mehrheit überzeugen zu müssen. Genau darin liegt aber auch ihr Problem. Eine Brandmauer funktioniert nur, wenn sie politisch glaubwürdig bleibt. Sobald sie als bloßes PR-Schild erscheint, entsteht der Eindruck, dass sich die etablierten Parteien über Abgrenzung definieren, nicht über Lösungen. Das ist für die AfD ein Geschenk: Sie muss dann nicht mehr beweisen, dass sie regieren kann. Es reicht, sich als einzige Kraft gegen ein blockiertes System zu inszenieren.
Die Zahlen zeigen, wie hartnäckig das Problem ist. Bei der Bundestagswahl 2021 lag die AfD noch bei 10,3 Prozent. In Umfragen der Jahre 2024 und 2025 kletterte sie zeitweise deutlich darüber hinaus; einzelne Institute sahen sie phasenweise sogar gleichauf mit der Union oder knapp dahinter. Solche Werte schwanken, das ist normal. Der Trend ist es nicht. Er zeigt: Die AfD ist längst nicht mehr nur Protestpartei, sondern in Teilen des Landes dauerhaft verankert. Vor allem im Osten ist sie in manchen Regionen politische Normalität geworden. Wer das noch immer als bloße Ausnahmestimmung behandelt, verwechselt Wunschdenken mit Analyse.
Genau hier beginnt der Kollateralschaden von Merz. Seine Strategie setzt oft auf maximale Schärfe in der Migrations- und Ordnungspolitik, um der AfD Stimmen abzujagen. Das klingt zunächst logisch. Das Problem: Wenn die Union zentrale AfD-Themen rhetorisch übernimmt, verschiebt sie die Debatte nach rechts, ohne das Original zu schwächen. Die AfD profitiert dann doppelt. Erstens, weil ihre Themen bestätigt werden. Zweitens, weil sie die Union als Nachahmerin angreifen kann. Aus medienpolitischer Sicht ist das fast tragikomisch: Die Talkshow-Runde verkauft die Verschiebung als klare Kante, dabei ist sie oft nur eine teure Umverpackung des Problems.
Ein Beispiel dafür ist die Dauererregung rund um Migration. Deutschland verzeichnete 2023 laut BAMF rund 329.000 Asylanträge, ein historisch hoher Wert. Dass das politisch Druck erzeugt, ist unstrittig. Ebenso unstrittig ist aber: Wenn in jeder Debatte dieselben Bilder, dieselben Wortmeldungen und dieselben Schlagzeilen dominieren, entsteht ein verzerrter Eindruck von Wirklichkeit. Die öffentliche Wahrnehmung der Migration wird dann stärker von Einzelfällen, Grenzsymbolik und Fernsehbildern geprägt als von Verwaltungszahlen, Integrationsverläufen oder der Frage, wie Kommunen tatsächlich entlastet werden können. Medien tragen daran einen erheblichen Anteil. Sie lieben Konflikte, weil Konflikte Klicks bringen. Der Preis ist eine Politik, die permanent auf den nächsten Aufreger trainiert wird.
Eine wenig beachtete Nebenwirkung dieser medialen Logik: Je mehr die Union auf Härte setzt, desto stärker rückt sie selbst in den Sog des Empörungstheaters. Das ist nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern ein strategisches. Denn wer permanent die Eskalation befeuert, macht die Sache selbst zum Zentrum. Dann reden alle über Grenzzäune, Abschiebeflüge und Ultimaten – und niemand mehr über Wohnungsbau, Bildung, Energiepreise oder die Frage, warum der Staat in vielen Kommunen schlicht zu langsam ist. Die AfD muss in diesem Spiel nicht einmal besonders kreativ sein. Sie kann zuschauen, wie die anderen ihr die Bühne bereiten.
Natürlich gibt es die Gegenposition. Viele in der Union sagen zu Recht: Wer die AfD nur moralisch ächtet, aber ihre Wählerprobleme nicht ernst nimmt, wird sie nicht zurückdrängen. Es gibt reale Sorgen über Überforderung, Kriminalität, soziale Abstiegsangst und kulturelle Verunsicherung. Diese Sorgen sind nicht eingebildet, und eine demokratische Partei darf sie nicht wegpädagogisieren. Auch das gehört zur Wahrheit: Eine Brandmauer allein ist keine Politik. Wenn die demokratischen Parteien ihre Glaubwürdigkeit behalten wollen, müssen sie beim Staat, bei Migration und bei sozialer Ordnung liefern. Sonst bleibt nur das Ritual der Empörung.
Aber genau an diesem Punkt kippt Merz‘ Ansatz oft ins Gegenteil. Statt die Probleme präzise zu bearbeiten, wird die Debatte gern in Sätzen verdichtet, die kurzfristig Stärke signalisieren, langfristig aber die politische Mitte ausdünnen. Das ist der blinde Fleck: Eine Politik, die sich zu sehr über Abgrenzung definiert, stärkt am Ende die Logik der Polarisierung. Und Polarisierung ist der natürliche Lebensraum der AfD. Man muss kein Apologet der linken Mitte sein, um das zu sehen. Man muss nur akzeptieren, dass Demokratie nicht von der maximalen Härte lebt, sondern von der Fähigkeit, Konflikte zu begrenzen.
Hinzu kommt ein medienkritischer Punkt, der oft untergeht: Die dauernde Frage, ob die Brandmauer hält, ist selbst schon Teil des Problems. Sie macht die AfD zum fixen Bezugspunkt des politischen Systems. Jede neue Provokation, jede Regionalentscheidung, jede unklare Wortmeldung wird sofort als Testfall für den großen Dammbruch gelesen. Das erhöht die Aufmerksamkeit für die AfD und senkt die Aufmerksamkeit für die eigentlichen Regierungsfragen. Ein bisschen so, als würde man im Brandfall ständig über die Farbe der Feuerwehrwagen diskutieren. Präzise vielleicht, hilfreich eher nicht.
Die unbequeme Schlussfolgerung lautet deshalb: Merz bekämpft die AfD nicht zu wenig, sondern oft mit den falschen Mitteln. Wer die Brandmauer retten will, darf sie nicht täglich als Kulisse für den nächsten Kulturkampf missbrauchen. Sonst bleibt am Ende nur ein politisches Deutschland, das zwischen zwei schlechten Optionen taumelt – und die AfD sitzt geduldig daneben und sammelt die Trümmer ein.

