Ein Mann tötet seine Ehefrau, zerstört ihre Leiche und ein Schweizer Strafgericht spricht von einem der grausamsten Femizide des Landes. Mehr muss man über die Brutalität dieses Falls aus Binningen kaum wissen, um zu verstehen: Hier geht es nicht um einen eskalierten Streit, sondern um Gewalt, die Frauen als Frauen trifft.
Das Baselbieter Strafgericht hat den Angeklagten laut Berichten wegen Mordes und Störung der Totenruhe zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Der Fall der ehemaligen Miss-Schweiz-Kandidatin hat weit über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen ausgelöst. Genau das ist der Punkt: Solche Taten schockieren nicht nur wegen ihrer Grausamkeit, sondern weil sie ein Muster sichtbar machen, das im Alltag oft zu lange als Einzelfall behandelt wird.
Der Begriff Femizid ist dabei kein Schlagwort für Aktivisten, sondern eine nüchterne Beschreibung. Gemeint ist die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind – meist im Kontext von Partnerschaft, Trennung, Kontrolle oder Besitzdenken. Das ist unbequem, weil es die übliche Erzählung stört, nach der Gewalt vor allem dort entstehe, wo zwei Menschen eben tragisch aneinandergeraten. So einfach ist es nicht. Wer Frauen tötet, will sehr oft nicht nur verletzen, sondern beherrschen, bestrafen oder auslöschen.
Gerade deshalb ist die öffentliche Reaktion auf besonders brutale Fälle oft schief. Sobald ein Täter als Monster erscheint, kann der Rest der Gesellschaft sich beruhigt zurücklehnen. Doch genau das ist die falsche Lehre. Denn die extreme Tat ist nicht das Gegenstück zum Alltag von Gewalt gegen Frauen, sondern dessen Endpunkt. Vorher stehen Drohungen, Kontrolle, Demütigungen, Isolation, Stalking, Angst. Nicht jede dieser Stufen endet tödlich. Aber fast jeder Femizid hat eine Vorgeschichte, die hätte ernst genommen werden müssen.
Die Schweiz ist mit diesem Problem nicht allein, aber sie ist auch nicht so vorbildlich, wie sie sich gern sieht. In vielen Ländern wird häusliche Gewalt noch immer zu spät erkannt, und Schutzsysteme reagieren oft erst dann, wenn die Lage schon eskaliert ist. Das ist der unbequeme Teil: Man baut gern auf gute Gesetze, saubere Verfahren und die beruhigende Annahme, dass der Rechtsstaat im Ernstfall schon greifen wird. Nur greift er in solchen Beziehungen oft erst, wenn das Opfer bereits tot ist.
Ein zweiter blinder Fleck ist die Sprache. Wer von Beziehungstat, Familiendrama oder Eifersuchtsdrama spricht, macht die Gewalt kleiner, als sie ist. Das klingt harmloser, fast privat. Dabei sind Femizide keine Privatangelegenheit, sondern ein gesellschaftliches Machtproblem. Dass der Fall der ehemaligen Miss-Schweiz-Kandidatin so stark beachtet wurde, liegt auch daran, dass er die übliche Verdrängung durchbricht: Wenn eine bekannte Frau brutal getötet wird, lässt sich das Wegsehen schwerer verkaufen. Doch die Logik dahinter trifft auch Frauen ohne Öffentlichkeit, ohne Titel, ohne Medieninteresse.
Das ist die eigentliche Zumutung dieses Urteils: Es erinnert daran, dass extreme Gewalt gegen Frauen nicht am Rand der Gesellschaft entsteht, sondern mitten in ihr. Nicht in einer fremden, dunklen Ausnahmezone, sondern oft dort, wo Kontrolle lange normalisiert wurde. Wer das nur als Einzelfall liest, hat den Fall schon wieder entschärft. Und genau diese Entschärfung ist Teil des Problems.
Der grausame Femizid von Binningen ist deshalb mehr als ein Strafurteil. Er ist ein Testfall für die Frage, ob eine Gesellschaft Gewalt gegen Frauen wirklich als Machtfrage begreift oder erst dann hinschaut, wenn sie so brutal wird, dass selbst Wegsehen peinlich wird.