Welche Ideale der Jugend verraten wir – und warum nennen wir es am Ende Vernunft?

Mit 20 klingt fast alles klar: fairer Lohn, bezahlbare Mieten, weniger Macht für Geld, mehr Zeit für ein gutes Leben. Mit 40 klingt es oft anders. Dann heißt es plötzlich: Der Markt ist halt so. Man muss realistisch sein. Und überhaupt: Wer sich anstrengt, kommt schon durch. Bequem ist das schon, nur eben nicht immer wahr.

Genau darin liegt der Denkfehler, den viele von uns später kultivieren: Wir verwechseln persönliche Anpassung mit Reife. Dabei sprechen die Zahlen eine ziemlich nüchterne Sprache. In Österreich lag die Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 2023 bei 17,7 Prozent der Bevölkerung; besonders betroffen waren Kinder und Jugendliche sowie Menschen in prekären Jobs. Wer also ausgerechnet dann von Chancengleichheit spricht, wenn Startbedingungen so ungleich sind wie Wohnkosten, Herkunft und Bildung, verkauft ein altes Ideal als individuelle Leistungsgeschichte.

Auch beim Wohnen wird der jugendliche Anspruch oft leise beerdigt. Junge Erwachsene kennen das besonders gut: Eine eigene Wohnung in guter Lage, ohne elterliche Hilfe, ist für viele kein Normalfall mehr, sondern ein Glücksfall. Wenn Eurostat für Österreich im Vergleich zu anderen EU-Ländern hohe Wohnkostenbelastungen ausweist, dann ist das nicht nur eine Statistik, sondern ein sozialpolitischer Hinweis: Freiheit braucht Raum. Und Raum kostet. Wer das ignoriert, predigt Eigenverantwortung in einem System, das längst vom Kontostand mitsortiert.

Die bequemste Selbsttäuschung lautet trotzdem: Wer heute anders denkt als früher, sei eben klüger geworden. Manchmal stimmt das. Oft heißt es aber nur: Man hat sich an Zustände gewöhnt, die man früher für unzumutbar gehalten hätte. Das ist der unangenehme Teil des Erwachsenwerdens: Nicht jede Nüchternheit ist Erkenntnis. Manchmal ist sie bloß die elegant formulierte Kapitulation.

Fairerweise gibt es Gegenargumente. Ja, Ideale können naiv sein. Nicht jede Forderung aus der Jugend überlebt den Kontakt mit der Realität. Und natürlich braucht eine Gesellschaft auch Kompromisse, Institutionen, Prioritäten. Wer nur gegen alles ist, wird schnell angenehm laut und politisch nutzlos. Aber das ist nicht dasselbe wie ein Rückzug aus Solidarität, gerechter Verteilung oder öffentlicher Verantwortung. Kompromiss ist etwas anderes als Selbstberuhigung.

Am Ende bleibt eine unbequeme Frage: Haben wir unsere Ideale wirklich revidiert, weil wir klüger geworden sind – oder nur, weil wir zu viel zu verlieren haben? Wer aus sozialer Ungleichheit, teuren Mieten und wachsender Unsicherheit bloß ein persönliches Reifeproblem macht, hat seine Jugend nicht hinter sich gelassen. Er hat sie politisch entsorgt. Und das nennt man dann erstaunlich oft: Vernunft.

Comments (0)
Add Comment