Gratis-Comics für alle – nett organisiert, aber kein Lesen-Genuss per Express

Am Samstag, dem 9. Mai, liegen 22 extra produzierte Gratis-Comichefte in Buchhandlungen, Shops und Bibliotheken auf. Elf Verlage machen mit. Das klingt nach einer hübsch geordneten Kulturmaßnahme: ein Tag, ein Stapel Hefte, ein kleines Versprechen an die Öffentlichkeit, dass Lesen doch noch Spaß machen darf. Und ja, genau darin liegt schon die erste Pointe: Als würde sich Leselust auf Kommando verteilen lassen wie Kugelschreiber auf einer Messe.

Organisatorisch ist die Aktion klug. Comics sind niedrigschwellig, visuell stark und für viele Kinder und Jugendliche der erste Kontakt mit längeren Erzählformen. Dass solche Hefte bewusst gratis verteilt werden, senkt die Eintrittsschwelle noch einmal. Die Idee ist nicht neu, aber brauchbar: Wer eine Geschichte in die Hand gedrückt bekommt, braucht keine Kaufentscheidung, keine Vorliebe für literarische Hochkultur und keine lange Erklärung, warum Lesen wichtig sein soll.

Nur ist genau das auch die Grenze des Ganzen. Ein Gratis-Heft löst kein Lesedefizit, wenn zu Hause kaum vorgelesen wird, wenn in Schulen der Alltag eher aus Pflicht als aus Neugier besteht oder wenn Bibliotheken und Buchhandlungen für manche schlicht nicht am Weg liegen. Die Organisation einer Leseförderung ist eben mehr als die gute Verteilung von Printware. Wer den Zugang verbessern will, muss auch Verfügbarkeit, Sprache, Begleitung und soziale Situation mitdenken. Alles andere bleibt eine sympathische, aber kurzfristige Intervention.

Ein Blick auf die Praxis zeigt das gut. In vielen Familien werden Comics ohnehin gelesen, oft heimlich nebenbei und völlig ohne kulturpolitischen Erlaubnisschein. Das ist eine der weniger beachteten Stärken des Mediums: Comics senken nicht nur die Schwelle zum Lesen, sie nehmen auch den Leistungsdruck heraus. Gerade für Kinder, die mit Fließtext kämpfen, kann das ein wichtiger Umweg sein, kein Umweg zweiter Klasse. Ein zweiter, oft übersehener Punkt: Wer Comics als bloße Vorstufe zum richtigen Lesen behandelt, verkennt ihr Potenzial. Viele Comicleser lesen später mehr, aber nicht, weil ihnen das jemand pädagogisch befohlen hat, sondern weil sie merken, dass Geschichten auch ohne moralischen Zeigefinger funktionieren.

Natürlich gibt es die Gegenposition: Solche Aktionen erzeugen Sichtbarkeit, bringen Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken zusammen und machen aus einer abstrakten Debatte einen konkreten Anlass. Das ist nicht nichts. Gerade weil das Buch- und Leseverhalten sozial ungleich verteilt ist, braucht es solche niedrigschwelligen Formate. In Österreich etwa zeigt die PIAAC-Erhebung der OECD, dass rund ein Viertel der Erwachsenen nur geringe Lesekompetenz hat; je nach Auswertung schwankt der genaue Wert, die Größenordnung ist aber klar. Wer da nur mit Appellen arbeitet, hat organisatorisch schon aufgegeben.

Die nüchterne Schlussfolgerung lautet deshalb: Gratis-Comics sind sinnvoll, weil sie Zugänge schaffen und nicht wegen der Illusion, Lesen sei vor allem eine Frage des guten Willens. Wer will, dass mehr Menschen lesen, muss ihnen mehr anbieten als einen einmaligen Aktionstag mit hübscher Auslage. Sonst bleibt die Kulturförderung dort stehen, wo sie am liebsten ist: bei der feierlichen Gratis-Verteilung und der stillen Hoffnung, dass daraus schon irgendwie Bildung wird.

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