Wenn der Körper zur Waffe wird: Wie rechte Influencer Frauen zu Männern erklären

Ein scharfer Kiefer, ein breiter Hals, eine zu tiefe Stimme, ein angeblich unweiblicher Gang: In den Kommentarspalten reicht heute oft schon ein Screenshot, um aus einer bekannten Frau angeblich einen Mann zu machen. Was wie die schräge Randnotiz eines Internetforums klingt, ist längst ein wiederkehrendes Muster der politischen Hetze. Besonders sichtbar wird das bei Brigitte Macron, gegen die seit Jahren die Behauptung kursiert, sie sei in Wahrheit ein Mann. Die französische First Lady wehrt sich inzwischen auch juristisch dagegen.

Der Fall ist kein bloßer Ausrutscher von Trollen. Er zeigt, wie rechte Influencer und Desinformationsakteure den Körper von Frauen als Angriffsfläche nutzen. Die Logik ist simpel und perfide zugleich: Nicht das politische Handeln der Frau wird kritisiert, sondern ihre Legitimität als Frau, als Person, als öffentliche Figur. Wer jemanden erst einmal in eine angeblich falsche Geschlechtsidentität drängt, muss sich mit Argumenten nicht mehr allzu lange aufhalten. Der Angriff läuft dann über das Biologische, also über etwas, das sich besonders schwer verteidigen lässt, weil jede Reaktion schon wieder als Beweis umgedeutet werden kann.

Dass diese Form der Verleumdung so gut funktioniert, hat zwei Gründe. Erstens trifft sie eine alte gesellschaftliche Schwäche: Frauen in Machtpositionen werden bis heute stärker nach Aussehen, Stimme und Auftreten beurteilt als Männer. Zweitens leben Plattformen von Reichweite, nicht von Wahrheit. Ein Vorwurf, der Ekel, Spott oder Identitätswut auslöst, verbreitet sich schneller als eine nüchterne Richtigstellung. Das ist kein Nebeneffekt, sondern Geschäftsmodell. Eine 2023 veröffentlichte Analyse der Anti-Defamation League dokumentierte, wie rechte Influencer auf mehreren großen Plattformen antisemitische und verschwörungsideologische Inhalte skalierten; das Muster ist auf geschlechtsbezogene Verleumdung übertragbar: Die Empörung ist der Treibstoff, die Plattform die Pipeline. ADL, 2023 Online Hate and Harassment Report

Beim Fall Macron kommt noch etwas hinzu, das leicht übersehen wird: Die Behauptung, eine prominente Frau sei in Wahrheit ein Mann, ist keine harmlose Groteske. Sie ist eine Art politischer Testballon. Wenn eine Lüge über eine der sichtbarsten Frauen Europas millionenfach wiederholt werden kann, obwohl sie offensichtlich keinen Beweis trägt, dann zeigt das vor allem eines: Nicht die Fakten sind das Problem, sondern die Belohnungsstruktur der Medienöffentlichkeit. Eine Widerspruchskultur, die sorgfältige Korrektur mit Aufmerksamkeit bestraft, hilft den Verleumdern mehr als jeder Verschwörungsmythos selbst. Kurz gesagt: Die Lüge muss gar nicht gewinnen. Es reicht, wenn sie bleibt.

Ein zweiter blinder Fleck liegt in der Technik. Mit KI-Bildern, manipulierten Ausschnitten und synthetischen Stimmen wird die Grenze zwischen Dokument und Fantasie immer dünner. Besonders gefährlich ist dabei nicht der perfekt gefälschte Clip, sondern die halbgare Variante: ein verzerrtes Foto, ein schlecht geschnittenes Video, ein Frage nur-Posting. Diese Form ist juristisch oft schwerer zu fassen, aber sozial extrem wirksam. Sie erlaubt den Urhebern, sich jederzeit auf angebliche Ironie oder bloße Neugier zurückzuziehen. Ein bisschen Gift, ein bisschen Witz, und am Ende soll niemand verantwortlich sein. Das ist praktisch, aber eben auch schäbig.

Natürlich gibt es die Gegenposition: Öffentliche Figuren müssten mehr Kritik aushalten, heißt es dann, auch scharfe, auch geschmacklose. Das stimmt bis zu einem Punkt. Demokratie lebt von Spott und Widerspruch, und Prominente sind keine Schutzheiligen. Doch zwischen Kritik und gezielter Entmenschlichung liegt ein klarer Unterschied. Wer einer Frau systematisch abspricht, eine Frau zu sein, kritisiert nicht ihr Verhalten, sondern greift ihre Identität an, um sie politisch zu entwerten. Das ist kein Meinungsspektrum, sondern eine Form der Verleumdung, die gerade deshalb so wirksam ist, weil sie an reale Misogynie andockt.

Die unbequeme Wahrheit ist: Solche Kampagnen funktionieren nicht nur wegen der Extremisten, sondern auch wegen der Leute, die sie mit einem Schulterzucken weiterleiten. Medienkritisch betrachtet ist das der eigentliche Skandal. Nicht, dass es absurde Gerüchte gibt. Sondern dass Reichweite heute oft stärker zählt als Plausibilität. Wer die demokratische Öffentlichkeit ernst nimmt, muss deshalb weniger über den männlichen Kiefer reden als über die Plattformen, die aus Körperverleumdung ein rentables Format gemacht haben. Der Rest ist nur das altbekannte Geschäft mit dem Beifall für die Verachtung.

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