Fernweh als Trostmittel für eine bequeme Gegenwart

Fernweh gilt gern als edle Regung: Wer sich nach der Ferne sehnt, ist offen, neugierig, weltzugewandt. In der Praxis ist es oft weniger romantisch. Fernweh ist auch ein Geschäftsmodell, ein Medienmotiv und ein ziemlich verlässlicher Fluchtimpuls aus einer Gegenwart, die viele lieber kurz verlassen als verändern würden. Dass sich bei den Innsbrucker Wochenendgesprächen vom 7. bis 9. Mai Alex Capus, Anette Selg, Carolin Würfel und Selma Mahlknecht mit Reisen, Sehnsucht und Heimweh beschäftigen, passt deshalb gut in eine Zeit, in der die Ferne ständig verfügbar wirkt und trotzdem unerreichbar bleibt.

Die Tourismusbranche verkauft das Gefühl gleich mit. Weltweit gab es 2023 nach Angaben von UN Tourism rund 1,3 Milliarden internationale Ankünfte; das ist fast wieder das Niveau vor der Pandemie. Das zeigt nicht nur, wie stark der Reiseverkehr zurückgekommen ist. Es zeigt auch, wie normal geworden ist, sich der eigenen Umgebung regelmäßig zu entziehen. Fernweh ist damit nicht bloß Literaturthema, sondern Teil einer Ökonomie, die Bewegung belohnt und Stillstand als Mangel darstellt. Dass dabei ausgerechnet Bilder von Leichtigkeit, Weite und Selbstfindung dominieren, ist kein Zufall, sondern Marketing mit atmosphärischer Beleuchtung.

Medienkritisch interessant ist vor allem die Asymmetrie: Über die Ferne wird oft viel zu viel gesprochen, über die Folgen des Reisens viel zu wenig. Ein einzelner Langstreckenflug kann pro Person je nach Route und Klasse grob im Bereich von einigen hundert Kilogramm CO2 liegen; genaue Werte schwanken stark. Der Punkt ist nicht, Reisen zu verbieten. Der Punkt ist, dass Fernweh in der Berichterstattung meist als Gefühl behandelt wird, nicht als Handlung mit Kosten. Das macht es bequem. Gefühle lassen sich feiern, Konsequenzen eher schlecht. Besonders gern wird dabei der Mythos gepflegt, Reisen mache automatisch klüger, toleranter, besser. Das stimmt manchmal. Es stimmt aber nicht von selbst.

Eine unbequeme Gegenposition gibt es natürlich auch: Fernweh ist mehr als Eskapismus. Für viele Menschen ist es ein reales Bedürfnis nach Horizonterweiterung, nach Distanz zum Bekannten, nach Erfahrung jenseits der eigenen Milieugrenzen. Gerade Autor:innen wissen, dass gute Texte oft aus der Reibung mit dem Fremden entstehen. Alex Capus hat in seinen Büchern immer wieder gezeigt, wie produktiv die Neugier auf andere Lebenswelten sein kann; Anette Selg, Carolin Würfel und Selma Mahlknecht arbeiten ebenfalls mit Formen von Erinnerung, Ort und Wahrnehmung, in denen das Unterwegssein nicht nur Kulisse, sondern Denkform ist. Das sollte man nicht kleinreden.

Trotzdem lohnt ein nüchterner Blick auf den Mediengebrauch von Fernweh. In Zeitungen, Magazinen und sozialen Medien wird die Ferne meist nicht als konkreter Ort gezeigt, sondern als projizierte Rettung: als Gegenbild zum Alltag, als Ausweg aus politischer Müdigkeit, als ästhetische Abkürzung. Das ist bequem, weil es keine Auseinandersetzung mit dem Hier verlangt. Wer die Welt sehen will, muss sich nicht automatisch mit den Verhältnissen vor der eigenen Haustür beschäftigen. Genau das ist die stille Schwäche des Fernweh-Narrativs: Es kann Neugier fördern, aber auch Verantwortungsgefühl betäuben.

Ein zweiter, oft übersehener Punkt: Heimweh und Fernweh sind keine Gegensätze, sondern hängen zusammen. Wer nur in der Ferne Erfüllung sucht, macht das Zuhause zum bloßen Zwischenlager. Wer umgekehrt Heimat nur als Rückzugspflicht versteht, verengt sie auf Besitzstand und Routine. Die kluge Haltung liegt dazwischen. Nicht jeder Wunsch, wegzugehen, ist Eskapismus. Aber nicht jede Sehnsucht nach der Ferne ist ein Zeichen von Weltoffenheit. Manchmal ist sie nur die höfliche Form, das eigene Leben nicht ansehen zu müssen.

Genau darin liegt die Provokation, die in Innsbruck mitschwingen dürfte: Fernweh ist ein schönes Wort für ein modernes Unbehagen. Es sagt oft weniger über die Welt da draußen als über die Unruhe hier drinnen. Und vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Sehnsucht nach der Ferne: Wer ständig anderswo sein will, sollte sich fragen, was am eigenen Ort so schwer auszuhalten ist. Die unangenehme Konsequenz lautet daher: Nicht das Fernweh ist das Problem, sondern die Bequemlichkeit, mit der es als Tugend verkauft wird.

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