Wie eine ORF-Doku über Erwin Pröll querfinanziert wurde

Eine Dokumentation über Erwin Pröll, erschienen 2021, wirft eine unspektakuläre, aber ziemlich österreichische Frage auf: Wer bezahlt eigentlich die politische Erinnerung, wenn der öffentlich-rechtliche Sender nur einen Teil der Rechnung übernimmt? Nach den vorliegenden Angaben deckte der ORF lediglich rund ein Drittel der Produktionskosten. Den Rest mussten andere tragen. Dass ausgerechnet der ÖVP-Bund DVD-Rechte erwarb, macht die Sache nicht skandalös im Boulevard-Sinn, aber bemerkenswert genug, um genauer hinzusehen.

Wirtschaftlich ist der Fall einfacher, als er politisch klingt. Eine Doku kostet Geld: Dreh, Archivmaterial, Schnitt, Rechte, Musik, Redaktion, Vermarktung. Wenn der ORF nur einen Teil beisteuert, entsteht eine Finanzierungslücke. Diese Lücke muss irgendwo gefüllt werden. Genau dort beginnt die eigentliche Frage: Ist das noch normale Kulturförderung oder bereits eine Form von politisch gefärbter Querfinanzierung, bei der öffentliche Reichweite, Parteigeld und mediale Reputation ineinandergreifen?

Der erste blinde Fleck liegt im Begriff der Hagiographie. Wenn ein Film nicht nur porträtiert, sondern verherrlicht, verschiebt sich der ökonomische Zweck. Dann ist die Produktion nicht bloß ein journalistisches oder dokumentarisches Produkt, sondern auch ein Imageprojekt. Das ist nicht illegal, aber es ist heikel. Denn ein öffentlich-rechtlicher Sender besitzt einen besonderen Marktwert: Vertrauen. Wer dieses Vertrauen mitfinanziert oder verleiht, sollte sich fragen lassen, ob hier Distanz oder Veredelung bezahlt wurde. Der ORF ist schließlich kein nostalgischer Klubraum für politische Ehrenrunden.

Der zweite Punkt ist der Erwerb der DVD-Rechte durch den ÖVP-Bund. Das ist ökonomisch klug, solange man es als Parteikommunikation versteht: Man kauft sich ein Produkt, das man weitergeben, archivieren oder intern nutzen kann. Problematisch wird es dort, wo eine Partei nicht nur Inhalte nutzt, sondern indirekt deren Herstellung stützt. Dann entsteht ein Kreislauf, der im Medienmarkt selten offen benannt wird: Ein Film über eine politische Figur wird von einem Sender mitfinanziert, die Restkosten kommen aus einem politischen Umfeld, und am Ende zirkuliert das Ergebnis als quasi-offizielle Erinnerung. Das riecht nicht nach staatsnaher Kultur, sondern nach gepflegter Selbsthistorisierung.

Man kann diese Finanzierung auch freundlich lesen. Vielleicht war die Doku schlicht teuer, der ORF hatte nur ein begrenztes Budget, und ohne zusätzliche Mittel wäre das Projekt nie zustande gekommen. In kleinen Medienmärkten ist es nicht ungewöhnlich, dass mehrere Akteure Kosten teilen. Auch der Ankauf von Rechten ist an sich nichts Verbotenes. Gerade für historische Formate gilt: Ohne Archivnutzung, Lizenzierung und externe Partner gäbe es viele Produktionen gar nicht. Das ist die faire Gegenposition.

Nur: Wirtschaftlich zählt nicht nur, dass etwas möglich ist. Entscheidend ist, wer worauf Einfluss bekommt und wie transparent die Gegenleistung ist. Bei einer politischen Figur wie Erwin Pröll ist die Erwartung an Distanz höher als bei einer Gartensendung oder einer Naturdoku. Je näher ein Werk an Macht und Parteigeschichte liegt, desto mehr sollte die Finanzierung offenliegen. Sonst bleibt der Verdacht zurück, dass hier nicht nur ein Film entstand, sondern ein sauberes Erinnerungsprodukt mit unklaren Subventionen. Und Unklarheit ist bei politischer Selbstdarstellung nie bloß ein Detail, sondern ein Geschäftsmodell.

Ein überraschender Aspekt liegt genau darin: Solche Produktionen sind oft weniger ein Medien- als ein Reputationsgeschäft. Die Rendite entsteht nicht an der Kinokassa, sondern im Symbolwert. Eine Doku kann das Bild einer Person nachträglich ordnen, vereinfachen und gegen Kritik abdichten. Das ist ökonomisch relevant, weil Reputation politisches Kapital ist. Wer sie kontrolliert, kontrolliert auch spätere Deutungshoheit. Dass dafür öffentliche Mittel, parteinahe Mittel oder beides nebeneinander auftauchen, ist mehr als eine Fußnote. Es zeigt, wie weich die Grenzen zwischen Journalismus, Erinnerungskultur und politischem Marketing geworden sind.

Am Ende bleibt deshalb kein Skandal im großen Stil, wohl aber ein unangenehmer Befund: Eine ORF-Doku, die nur zu einem Drittel aus dem ORF-Budget bezahlt wird und deren Rechte auch noch im ÖVP-Umfeld landen, ist kein Beweis für Korruption. Aber sie ist ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie politische Macht in Österreich nicht nur Entscheidungen trifft, sondern auch ihre eigene Erzählung finanziert. Und das ist vielleicht die ehrlichste Form von Öffentlichkeitsarbeit: Man nennt es Dokumentation, bezahlt es aber wie eine Imagekampagne.

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