Klassentreffen: Nostalgie mit Dresscode

Am Eingang stehen sie dann wieder: Menschen, die man seit zwanzig Jahren nicht gesehen hat, mit Namensschild, Smalltalk und dem festen Willen, dass heute bitte niemand merkt, wie sehr das Leben an allen gearbeitet hat. Ein Klassentreffen der alten Schule verkauft sich gern als Wiedersehen. In Wahrheit ist es oft ein kleiner Sozialtest mit Buffet.

Die Zahlen dazu sind unspektakulär, aber interessant: In Deutschland nahmen laut der Deutschen Befragung zum Freiwilligensurvey 2020 rund 39 Prozent der Erwachsenen an einer Form von Vereins- oder Gruppenaktivität teil; das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist also real, aber es muss nicht in der Schule enden. Gerade Klassentreffen leben davon, dass eine alte Gemeinschaft künstlich reaktiviert wird. Das ist nicht automatisch schlecht. Es kann sogar tröstlich sein. Doch ethisch betrachtet ist es eben auch eine Inszenierung von Nähe, die mit der damaligen Wirklichkeit oft wenig zu tun hatte.

Der heikle Punkt ist die Erinnerungskultur. Klassentreffen tun so, als könnte man eine gemeinsame Vergangenheit neutral abrufen. Kann man aber nicht. Wer früher beliebt war, erinnert sich anders als jemand, der an der Randbank saß. Wer Leistung bekam, erinnert sich anders als jemand, der früh sortiert wurde. Und wer in der Schulzeit soziale Sicherheit hatte, verwechselt das leicht mit schönen alten Zeiten. Das ist unbequem, weil es zeigt: Nicht jede Nostalgie ist harmlos. Manchmal ist sie nur selektive Erinnerung im Abendkleid.

Hinzu kommt der Statusvergleich. Heute ist der Beruf oft das unausgesprochene Hauptthema. Wer viel verdient, wirkt souverän. Wer nach einer Kündigung, Pflegezeit oder Krankheit gerade nicht glänzt, gerät in Erklärungsnot. Genau hier wird das Klassentreffen zum Spiegel einer Leistungskultur, die sich gern als locker gibt, aber in Wahrheit sehr schnell nach oben schaut. Das ist besonders schief, weil Schule selbst schon ein Ort von Sortierung war: Österreichs PISA-Ergebnisse 2022 lagen bei 482 Punkten in Mathematik, 480 in Lesen und 497 in Naturwissenschaften, also im OECD-Mittelfeld. Entscheidend ist aber etwas anderes: Bildungswege sind stark mit sozialer Herkunft verknüpft. Wer an alte Schulfreunde denkt, denkt daher oft auch an die ungleichen Startbedingungen, die damals schon mit im Raum standen.

Es gibt aber auch eine faire Gegenposition. Für manche ist das Klassentreffen ein ehrlicher Abend ohne Management-Gerede, ohne Karriere-Pose, ohne die übliche Buzzword-Maschine. Man sieht Menschen wieder als Personen, nicht als LinkedIn-Profile. Und manchmal entstehen daraus echte Gespräche: über Scheidungen, Pflege der Eltern, verpasste Chancen, neue Berufe, neue Leben. Gerade das kann wertvoll sein, weil es zeigt, wie wenig linear Biografien verlaufen. Nicht jeder ist das geworden, was der Jahrgangsraum einst vermutete.

Trotzdem bleibt meine Haltung skeptisch. Ein gutes Klassentreffen ist dann gut, wenn es nicht so tut, als sei es etwas Tieferes als ein Abend unter ehemaligen Mitschülern. Sobald daraus eine Bühne für Selbstoptimierung, Karriere-Patina und die alte Hierarchie der Coolen wird, kippt es. Dann ist es weniger Wiedersehen als Rebranding der Schulzeit. Wer das mag, bitte. Wer nicht, verpasst wenig.

Vielleicht ist die ehrlichste Frage nicht, ob man zu Klassentreffen geht, sondern warum man überhaupt beweisen will, dass man aus der Schule etwas gemacht hat. Genau da wird es ungemütlich: Ein Klassentreffen ist oft nur so nett, wie wir bereit sind, auf Ranglisten und Lebenslügen zu verzichten.

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